Das zerrissene Land

In wenigen Wochen findet in Deutschland die vorgezogene Bundestagswahl statt. Die Ampel-Koalition ist im Streit über den Bundeshaushalt zerbrochen, Bundeskanzler Scholz hat die Vertrauensfrage gestellt und wie gewünscht verloren. Der Weg zu Neuwahlen ist frei. Deutschland steht vor enormen Problemen, die das Potential haben, die deutsche Gesellschaft zu zerreißen. Die deutsche Wirtschaft liegt am Boden, […]

Das zerrissene Land

Nicht krank, sondern faul? Allianz-Millionär brüskiert Beschäftigte mit dreistem Kürzungsvorschlag

Allianz-Chef Oliver Bäte kassiert ein Jahresgehalt in Millionenhöhe. Umso anmaßender ist sein jüngster Vorschlag – und die mediale Debatte darüber: Arbeitnehmer sollen für den ersten Tag ihrer Krankschreibung keine Lohnfortzahlung mehr erhalten. Lassen sich die Lohnabhängigen das gefallen?

Von Susan Bonath

Der Chef des börsennotierten Versicherungskonzerns Allianz, Oliver Bäte, will lohnabhängig Beschäftigte durch das Kürzen ihrer Lohnfortzahlung vom Kranksein „abhalten“. Ernsthaft diskutieren deutsche Medien seinen offenbar vor allem von Eigennutz getriebenen unsozialen „Vorschlag“ zum weiteren Abbau von Arbeitnehmerrechten. Einmal mehr bestimmt damit ein superreicher Millionengehaltsempfänger die politische Debatte in Deutschland. Das müsste eigentlich die Normalbevölkerung auf die Barrikaden treiben.

Beschäftigte unter Faulheitsverdacht

Der Allianz-Chef warf Beschäftigten vor, sich zu oft krankzumelden. Angeblich 20 Krankentage pro Jahr kämen auf jeden Beschäftigten, behauptete er.

Das Statistische Bundesamt wies allerdings zuletzt für das Jahr 2023 einen mittleren Krankenstand pro Arbeitnehmer von 15,1 Tagen aus.

Das sei viel zu hoch, liege doch der EU-Durchschnitt bei acht Krankentagen, beklagte Bäte. Er fordert, einen sogenannten Karenztag wieder einzuführen, um das Problem zu lösen. Einen solchen gab es in der alten BRD schon einmal, er wurde aber Anfang der 1970er-Jahre abgeschafft. Zuspruch erntete der Allianz-Chef von einschlägiger Seite, beispielsweise von der Vorsitzenden des Gremiums der sogenannten „Wirtschaftsweisen“, Monika Schnitzer.

Das bedeutet: Beschäftigte sollen nach Bätes Dafürhalten für den ersten Tag ihrer Krankmeldung keine Lohnfortzahlung vom Unternehmen erhalten. „Damit würden die Arbeitnehmer die Kosten für den ersten Krankheitstag selbst tragen“, sagte er. Dies würde Unternehmen und Krankenkassen entlasten. Angeblich könnten beide so insgesamt 40 Milliarden Euro pro Jahr „einsparen“.

Damit unterstellt er betroffenen Beschäftigten so unverhohlen wie unbelegt, sie ließen sich mehrheitlich wohl nur aus bloßer Faulheit krankschreiben. Man kennt diese Faulheitsdebatten gegen Erwerbslose schon zur Genüge. Nun haben selbige auch Arbeitsplatzbesitzer erreicht: Sie werden durchweg verdächtigt, ihr Kranksein in vielen Fällen nur zu simulieren. Was kommt als Nächstes: vielleicht private Unternehmen, die kranke Arbeiter begutachten sollen, ob sie noch auf zwei Beinen stehen können?

Bätes Jahresgehalt: 7,5 Millionen Euro

Freilich wären solche „Sparmaßnahmen“ auf Kosten der Beschäftigten für Großgehaltsempfänger wie Bäte ein purer Glücksfall. Da kann es dann wohl mit dem eigenen Einkommen noch steiler nach oben gehen. Zumal sein eigener Konzern mit einem Jahresumsatz von zuletzt fast 162 Milliarden Euro – Tendenz steigend – als Deutschlands drittgrößter privater Krankenversicherer ganz besonders daran mitverdienen würde.

Sage und schreibe fast 7,5 Millionen Euro hat Bäte allein für das Jahr 2023 kassiert und sich damit über einen Gehaltssprung um zehn Prozent gefreut. In den Jahren davor bekam er also demzufolge rund 6,75 Millionen jährlich – dies übrigens völlig unabhängig davon, wie oft er zwischendurch mal krank war. Seinen Posten als Vorstandschef der Allianz hat Bäte seit Mai 2015 inne.

Reiche bestimmen politischen Diskurs

Solch eine Gehaltssumme muss man sich vergegenwärtigen: 7,5 Millionen pro Jahr sind 625.000 Euro im Monat und mehr als 20.500 Euro für jeden der 365 Tagen eines Jahres. Was also Allianz-Chef Bäte täglich an Gehalt kassiert, bekommen Millionen Beschäftigte in Deutschland für ein ganzes Arbeitsjahr.

Um es konkreter zu machen: Seit Januar beträgt der Brutto-Mindestlohn 12,82 Euro pro Stunde. Ein Mindestlöhner kommt bei einer 40-Stundenwoche etwa auf ein Monatsbrutto von 2.200 Euro. Er müsste 284 Monate, also fast 24 Jahre, in Vollzeit dafür arbeiten, um auf Bätes Monatsgehalt zu kommen.

Es erschließt sich von selbst, dass Bätes Gehalt kein Salär für Fleiß sein kann, noch nicht einmal für Nützlichkeit. Man stelle einmal die deutsche Gesellschaft ohne Allianz und ihren Hochverdiener Bäte vor – und dann überlege man, wie sie ohne Pflegepersonal und Putzkräfte aussähe. Letzteres würde eindeutig zum Zusammenbruch führen, ersteres dagegen wohl kaum.

Mit anderen Worten: Ein superreicher Profiteur von der Arbeit anderer wie Bäte stellt sich hin und unterbreitet politische Vorschläge, die sich explizit gegen jene richten, von denen er profitiert. Das ist ja erst einmal erwartbar. Das eigentliche Problem daran ist, dass so etwas dann auch noch ernsthaft in den Medien diskutiert wird. Das allein verdeutlicht die politische Macht einzelner Superreicher in Deutschland.

Prekärer Arbeitsmarkt macht krank

Nicht zuletzt die Medien geben Bäte und anderen Spitzenverdienern eine solche Macht. Statt sich ernsthaft zu fragen, warum Lohnabhängige in Deutschland offensichtlich immer kränker werden, wie man es mit gutem Willen aus der Statistik ablesen müsste, geben sie dem Millionär und seinen Thesen eine Bühne, ganz so, als würde ihn allein sein Millioneneinkommen zur „Fachexpertise“ befähigen.

Zunächst einmal ist auffällig, dass insbesondere die Arbeitsunfähigkeit aufgrund psychischer Erkrankungen rasant zugenommen hat, nämlich allein in den vergangenen zehn Jahren (von 2013 bis 2023) um rund 41 Prozent. Das ist durchaus plausibel, wenn man bedenkt, dass die Zeiten sicherer Arbeitsplätze in der Bundesrepublik für Normalbeschäftigte nahezu vorbei sind. Das bedeutet vor allem ständige existenzielle Unsicherheit, die bekanntlich zu psychischer Belastung führt.

Atemwegserkrankungen stehen bei den „gelben Zetteln“ seit jeher an der Spitze. Aber wie hieß es doch gleich in der Coronazeit? Wer mit Husten, Schnupfen, Heiserkeit zur Arbeit geht, gefährdet andere Kollegen, insbesondere die sogenannten Vulnerablen, also Ältere und Vorerkrankte. Es ist erstaunlich, wie schnell so etwas in Vergessenheit gerät. Anscheinend ging es damals gar nicht wirklich um die „Vulnerablen“.

Mehr ältere Beschäftigte durch Rentenkürzungen

Ein weiterer naheliegender Grund dürften wohl die versteckten Rentenkürzungen der vergangenen Jahrzehnte sein, unter anderem durch Erhöhung des Eintrittsalters in den Ruhestand auf 67 Jahre. Der Anteil der über 60-jährigen Erwerbstätigen, darunter auch der wegen unzureichender Rente Dazuverdienenden, hat in Deutschland drastisch zugenommen, wie Daten des Statistischen Bundesamtes belegen.

Man muss nun kein Experte sein, um zu wissen, dass 65-Jährige in aller Regel körperlich weniger belastbar und anfälliger für Erkrankungen sind als beispielsweise 35-Jährige. Man weiß auch, dass unsichere Arbeitsbedingungen Menschen kränker machen. Kurz gesagt: Die neoliberale Sozialabbaupolitik der vergangenen Jahrzehnte macht Arbeitnehmer ganz sicher nicht gesünder. Und das drückt sich freilich in der Krankenstand-Statistik aus.

Mediale Lobeshymnen für Sozialkürzer: Bäte beweise „Mut“

Abgesehen davon, dass der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) kraft seines Amtes Bätes „Vorschläge“ umgehend kritisiert hat, verfielen einige Medien in höchstes Lob für dessen Ansinnen. Der Focus trumpfte mit noch weiter übertriebenen Krankenzahlen auf als Bäte und versuchte seinen Lesern am Beispiel anderer Länder weiszumachen, dass dies am fehlenden Karenztag ohne Lohnfortzahlung liege.

Der Nachrichtensender ntv veröffentlichte eine regelrechte Lobeshymne auf den Allianz-Millionär: Bäte beweise „Mut“, titelte der Sender und erdreistete sich sogar, das dahinter stehende Erpressungspotenzial als Erfolgsgarant zu preisen: So seien „gerade jetzt, wo vieles immer teurer wird, die Budgets vieler Menschen eng auf Kante genäht“. Normalerweise müssten jetzt Millionen Demonstranten vor dem Allianz-Hauptsitz in München aufschlagen.

Das Märchen vom ausufernden Sozialstaat

Danach folgt bei ntv die übliche Leier: Der Sozialstaat sei zu prall, man könne ihn nicht immer weiter ausbauen, sondern müsse endlich kürzen. Dahinter steckt eine glatte Lüge, denn der deutsche Sozialstaat wurde in den letzten Jahren nicht etwa ausgebaut, sondern Stück für Stück zusammengekürzt. Man denke nur einmal an die Agenda 2010 zurück, Deutschlands Weg zum größten Niedriglohnsektor Europas.

Gerne wird für die Behauptung die sogenannte Sozialleistungsquote angeführt, die angeblich immer weiter steige. Dies ist aber irreführend, weil der weitaus größte Anteil der Sozialleistungen zunehmend auf die Renten entfällt. Bekanntlich werden die Menschen immer älter und der Anteil der Rentner nimmt rapide zu.

Dies ist zu bedenken, wenn man sich etwa auf Angaben des Bundesarbeitsministeriums oder der OECD beruft. Ersteres attestierte der alten Bundesrepublik im Jahr 1975 eine Sozialleistungsquote von 26,3 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt (BIP). Im Jahr 2018 lag diese mit demnach 29,7 Prozent nur unwesentlich höher. Im gleichen Zeitraum wuchs allerdings die Zahl der über 67-Jährigen, West- und Ostdeutschland zusammengenommen, von zehn auf 16 Millionen Menschen an.

Laut OECD-Ländervergleich lag die Sozialleistungsquote im Jahr 2022 dann wieder etwas niedriger, nämlich bei 26,7 Prozent, also fast auf dem Niveau des Jahres 1975 – dies jedoch bei inzwischen 16,5 Millionen über 67-Jährigen – trotz des Anstiegs in dieser Altersgruppe um 6,5 Millionen oder 65 Prozent. Sechs EU-Länder gaben zuletzt übrigens einen höheren Teil ihres BIP für Sozialleistungen aus: Frankreich, Italien, Österreich, Finnland, Belgien und Spanien.

Wer geht auf die Barrikaden?

Abschließend bleibt noch anzumerken: Für das heutige Arbeitsrecht haben Arbeiter einst blutig kämpfen müssen. Vom Acht-Stunden-Tag über Urlaub bis hin zur Lohnfortzahlung im Krankheitsfall: Das alles existiert, weil die Angst der Profiteure und politisch Partizipierenden vor Unruhen zu groß war. Der Sozialabbau der letzten Jahrzehnte spricht dafür, dass ihre Furcht wohl merklich abgenommen hat. Klar, ganz offensichtlich haben sich deutsche Arbeitnehmer längst an Anmaßungen der Oberschicht gewöhnt.

Denn wäre das anders, hätte sich ein Gehaltsmillionär wie Bäte sicherlich nicht mit solchen Vorschlägen in die Medien getraut. Und er ist ja nicht der Einzige, der solche Fantasien nach draußen trägt. Anstatt neidisch seine krankgeschriebenen Kollegen zu beäugen, ob diese auch tatsächlich richtig krank sind, müssten eigentlich alle Lohnabhängigen zusammen gegen solche Dreistigkeiten auf die Straßen gehen – und gegen derartige Millionengehälter wie das von Bäte, fernab jeder Leistung, sowieso.

Quelle: RT DE

Hinweis: Gastbeiträge geben immer die Meinung des jeweiligen Autors wieder, nicht meine. Ich veröffentliche sie aber gerne, um eine vielfältigeres Bild zu geben. Die Leserinnen und Leser dieses Blogs sind auch in der Lage sich selbst ein Bild zu machen.

Die Kritik Gesine Schwans an Netanjahus „totalem Sieg“ will man abschütteln. Der Skandal der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit

Die Rede von Professor Dr. Gesine Schwan zum 75-jährigen Jubiläum der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit ist klar, beeindruckend und stellt sich außerordentlich differenziert den schwierigen Fragen dessen, was jeweils Antisemitismus war und heute ist. Auf Verabredung mit dem einladenden Vertreter Reinhard Naumann, dem evangelischen Vorsitzenden der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, hat sich Schwan der christlich-jüdischen […]

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Schnell abgenickt: Regierung beglückt Rüstungsindustrie mit milliardenschwerem „Weihnachtsgeschenk“

Während immer mehr deutsche Bürger sparen müssen, winkte die Reste-Ampel mit Unterstützung aller großen Fraktionen kurz vor Weihnachten neue Rüstungsprojekte im zweistelligen Milliardenbereich durch. Immer mehr „Kleinprojekte“ laufen überdies am Parlament vorbei.

Von Susan Bonath

Geplagt von finanziellen Sorgen muss ein wachsender Teil der deutschen Bevölkerung an Geschenken zum Fest sparen. Während Händler, Betriebe und Verbände über die Folge, ein mieses Weihnachtsgeschäft, klagen, freut sich die Rüstungsindustrie über die großzügigen Spendierhosen der Regierung. In der letzten Sitzungswoche dieses Jahres musste es ganz schnell gehen: Die Ausschüsse für Verteidigung und Haushalt winkten Dutzende große Rüstungsprojekte mit zweistelligem Milliardenvolumen durch. Und auch am Parlament vorbei lief einiges.

Dutzende „Kleinprojekte“ am Parlament vorbei

Der Reste-Ampel war das vor ihrem bevorstehenden Abtritt offenbar besonders wichtig. Die Tagesordnung des geheim tagenden Verteidigungsausschusses fiel ungewöhnlich lang aus. Besprochen wurden zunächst unter anderem Bundeswehreinsätze in aller Welt, Regierungsberichte zu Israel, Syrien, angeblich „strategischen Bedrohungen“ von NATO-Staaten und zur „Abgabe sensitiven militärischen Materials“ an die Ukraine. In einem Großteil der Sitzung ging es dann – zur Freude beauftragter Waffenschmieden – um die Beschaffung von neuem Kriegsgerät.

Besonderer Knackpunkt dabei ist, dass sich ein wachsender Teil der Rüstungsgeschäfte nicht nur der Öffentlichkeit, sondern auch jeglichen demokratischen Entscheidungsprozessen entzieht. So ging es im Tagesordnungspunkt 12 um 40 „BMF-Vorlagen“. Das sind Papiere des Bundesfinanzministeriums, hinter denen sich in fast allen Fällen sogenannte 25-Millionen-Euro-Vorlagen versteckten.

Das bedeutet: Alle Rüstungsprojekte, die einzeln ein Volumen unterhalb dieser Summe haben, kann die Regierung einfach durchwinken, wovon sie mit zunehmendem Eifer Gebrauch macht. Nur Beschaffungsvorhaben von einem höheren Gesamtwert müssen zuvor in den Ausschüssen für Verteidigung und Haushalt überhaupt debattiert und beschlossen werden.

In Rüstungsfragen ist das parlamentarische Prozedere inzwischen ein bloßes Ritual. Trotz des Bruchs der Ampelkoalition sind sich hier die großen Fraktionen im Bundestag einig. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) zeigte sich darüber hocherfreut. Bei der Regierungsbefragung am 18. Dezember bedankte er sich bei den Unionsparteien CDU und CSU sowie der FDP dafür, dass diese stramm an seiner Seite stehen.

Großprojekte für mehr als 20 Milliarden Euro

Am Freitag verkündete dann auch das Bundesministerium der Verteidigung die „frohe“ Botschaft: Der Haushaltsausschuss habe 38 weitere große Rüstungsprojekte genehmigt – ihr Volumen: „mehr als 20 Milliarden Euro“. Nicht inbegriffen sind die zuvor genannten zahlreichen kleineren Projekte, die im Einzelnen mit weniger als 25 Millionen Euro veranschlagt sind.

„Somit können die wichtigen Beschaffungs- und Entwicklungsverträge mit den Auftragnehmern noch in diesem Jahr gezeichnet werden“, verkündete das Ministerium. Das klingt nach einem lohnenden Weihnachtsgeschäft für die beauftragten Rüstungskonzerne. Es geht dabei unter anderem um die Beschaffung von U-Booten, Patriot-Lenkflugkörpern, Eurofightern, Puma-Schützenpanzern, IT-Systemen für elektronischen Kampf und Weltraumüberwachung, aber auch diverser Waffensysteme und Handgranaten.

Der wohl größte abgenickte Posten sind vier U-Boote vom Typ U 212 CDU, welche die Regierung für knapp fünf Milliarden Euro bei Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) in Auftrag gibt. Überdies will auch der NATO-Staat Norwegen zwei Exemplare davon beschaffen – ein lukratives Geschäft für den Konzern.

Um das alles zu finanzieren, warb unter anderem Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen) bereits für die Bereitstellung eines weiteren 100-Milliarden-Sondervermögens für die Bundeswehr. Denn das ebenso hohe Volumen des ersten Pakets, beschlossen 2022, ist bereits verplant. Für all das blechen muss natürlich der deutsche Steuerzahler – nicht nur direkt finanziell, sondern auch indirekt mit gleichzeitigem Sozialabbau.

Nur die Spitze des Eisbergs

Der Aufrüstungsmarathon so kurz vor Weihnachten war nur ein vorläufiger Endspurt und die sogenannte Spitze des Eisbergs. Bereits in der Sitzungswoche vor der diesjährigen Sommerpause Anfang Juli hatten die Ausschüsse diverse Milliarden-Projekte durchgewunken, vieles davon für das Panzerbataillon der neuen Bundeswehrbrigade in Litauen.

Auch drei Anträge der AfD zur Stärkung der Rüstungsexportindustrie und der Wehrfähigkeit Deutschlands werden noch in den Ausschüssen beraten. Die Partei fordert darin neben bedeutsamer Aufrüstung und verstärkter militärischer Rekrutierung, sämtliche Exportbeschränkungen für die Lieferung von sogenannten Dual-Use-Gütern aufzuheben, also von Produkten, die sowohl militärisch als auch zivil genutzt werden können. Die deutsche Genehmigungspraxis dürfe nicht länger von der Politik in Partnerländern, insbesondere den USA, abweichen, heißt es. Universitäten sollen außerdem verstärkt an neuen Waffen forschen.

Zwar ist es wahrscheinlich, dass die Anträge wie immer abgebügelt werden, weil sie von der „falschen Partei“ kommen. Allerdings entspricht ihr Inhalt durchaus dem – wenn auch etwas vorsichtiger vorgetragenen – Bestreben aller anderen großen Fraktionen im Bundestag im Sinne der lauthals verkündeten militärischen „Zeitenwende“. Diese könnten sich ein Beispiel daran nehmen und eigene Anträge solcher Art einbringen. Das wäre nicht der erste „Vorstoß“ dieser Art. Unter einem möglichen neuen Bundeskanzler Friedrich Merz wird ein solcher gleich noch viel wahrscheinlicher.

Quelle: RT DE

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Foto: Hat gut Lachen: Rheinmetall-CEO Armin Papperger

Zeitenwende

2022: Es war so weit, nichts war so wie es einmal war. Ein Krieg in Europa tobt. Der angeblich erste Krieg seit 1945. Was ist mit den Kriegen im spanischen Baskenland (1959-2011), dem Bürgerkrieg in Nordirland (1969-1998), den Jugoslawienkriegen (1991-1999), dem Krieg im Donbass (seit 2014). Hat demnach alles nicht stattgefunden, wenn man dem herrschenden […]

Zeitenwende

Hetze gegen Arme statt Feststimmung: Die weihnachtliche Charity-Fassade bröckelt

Die Wirtschaftskrise in Deutschland geht ans Eingemachte, und die Politik braucht dafür einen Sündenbock. Statt karitativer Gewissensberuhigung dominiert in dieser Vorweihnachtszeit die Hetze gegen Arme, gepaart mit ein wenig Küchenpsychologie, die mediale Berichterstattung.

Von Susan Bonath

Aufrüstung, Inflation, Sozialabbau: Die deutsche Zeitenwende-Politik ist ein Motor für Armut, Abstiegsangst und Entsolidarisierung. Das zeigte sich deutlich in der diesjährigen Vorweihnachtszeit. Gewöhnlich entdeckt ein Teil des deutschen Kleinbürgertums in diesen Wochen sein Gewissen für Arme – oder will selbiges mit karitativer Großherzigkeit zumindest beruhigen. In diesem Jahr aber gehen Berichte über „Weihnachtsessen für Obdachlose“ oder „Spendensammlungen für arme Kinder“ vielfach unter.

Dominant in den Medien sind stattdessen die zunehmenden sozialen Verwerfungen: verwundert bis besorgt zur Kenntnis genommen, systemische Ursachen ausblendend, die Folgen beklagend und die Hauptschuld, mal offen, mal sehr versteckt, bei den Betroffenen selbst verortend, teils begleitet von Hetzkampagnen, deren Initiatoren diesmal auf die obligatorische Weihnachtspause verzichten. Denn es ist Wahlkampf.

Botschaft an Arme: Schämt euch!

Jeder könne durch Fleiß aufsteigen und zu Wohlstand gelangen, lautet bekanntlich die Kernbotschaft der neoliberalen Doktrinen des Westens an die Normalbevölkerung. Dass nicht alle aufsteigen können und von Geburt an Wohlhabende wesentlich im Vorteil sind, blendet die Propaganda genauso geflissentlich aus wie die Tatsache, dass besonders hart Schuftende, zum Beispiel Pflegekräfte und Paketfahrer, zwar unabkömmlich sind, aber von einem Aufstieg ohnehin nur träumen können.

Armsein gilt im spätkapitalistischen Konkurrenzturbo als Makel: Betroffenen lastet stets der Vorwurf des Faulseins an. Arme können im reichen Wertewesten keine Weihnachtsgeschenke kaufen? Selber Schuld! Für sie sei Weihnachten „ein Fest der Scham“, erklärt der Deutschlandfunk in einem Beitrag. Zum Beispiel für „Anna“, denn sie ist arm, muss zur Tafel – und schämt sich dafür.

Überlastete Wohltätigkeitsindustrie

Die Tafeln in Deutschland sind ein privates Charity-Modell, das vor über 30 Jahren wie vieles andere auch aus den USA nach Deutschland schwappte. Einst dafür gedacht, ein bisschen Herz für ein paar Tausend Obdachlose in deutschen Großstädten zu zeigen und sie mit gespendeten Lebensmitteln zu beglücken, mutierten sie spätestens mit der Einführung von Hartz IV im Jahr 2005 zu privaten Ersatzanlaufstellen für Menschen in existenziellen Notlagen, in die sie vor allem ein immer repressiver agierender Sozialstaat stürzte. Ihr Dachverband ist inzwischen wie ein Großunternehmen organisiert.

Seit Jahren beklagen die Tafeln zunehmende Überlastung. Corona verschärfte das Problem, nun lässt die drastische Teuerung bei Energie, Lebensmitteln und Mieten die Essensausgaben aus allen Nähten platzen: zu wenige Spenden für zu viele Bedürftige. Die meisten Tafeln müssen mal wieder rationieren, wie unter anderem der NDR berichtete.

Das Tafelkonzept hat eigentlich etwas Perverses: Supermärkte geben ab, was die Wohlstandsgesellschaft verschmäht, weil die Haltbarkeit zum Beispiel kurz vor dem Ablaufen ist. Die Tafeln verschenken das nicht etwa, sondern die „Kunden“ müssen dafür einen Obolus entrichten. Um Kunde zu werden, müssen Betroffene ihre Bedürftigkeit nachweisen und meistens lange warten, bis ein „Platz“ frei wird. Haben sie Pech, tritt das nie ein. Kurz gesagt: Private Charity-Unternehmen kontrollieren Einkommensnachweise und entscheiden, wer aussortiertes Essen für ein paar Euro erhält und wer nicht.

Miete zahlen oder Kühlschrank füllen

Das postulierte „Mitgefühl“ mit den Armen schwindet allerdings mit der sichtbaren Zunahme ihrer Anzahl. Die Bettler und Obdachlosen sind inzwischen an den Bahnhöfen jeder beliebigen deutschen Großstadt nicht mehr zu übersehen. Armut wird zunehmend lästig in Deutschland, und der Gedanke daran, dass sie selbst nur einen Schicksalsschlag oder eine Massenentlassung davon entfernt sein könnten, verbannen viele wohl tief ins Unterbewusstsein.

Anders als mit kollektiver Verdrängung sind Studien wie die des Paritätischen Gesamtverbandes kaum zu erklären. „Wohnen macht arm“, fand dieser kürzlich heraus. Man möchte zynisch rufen: Ach, wirklich? Dass die Mieten, Heiz- und Betriebskosten seit Jahren in die Höhe schnellen und seit dem Anschlag auf die Nordstream-Pipelines 2022 geradezu explodiert sind, ist schließlich kein Geheimnis. Auch ist bekannt, dass die Reallöhne seit Jahren nicht einmal mehr mit der Inflation mithalten und die Teuerung vor allem lebensnotwendige Güter betrifft: Energie, Nahrungsmittel, Mieten.

Der Paritätische spricht von „Wohnarmut“. Soll heißen: Immer mehr Menschen müssen sich entscheiden, ob sie ihre Miete zahlen oder den Kühlschrank füllen. Junge Erwachsene können mangels bezahlbarer Angebote nicht bei ihren Eltern ausziehen, Alleinerziehende leben mit Kindern in viel zu kleinen Unterkünften, Rentner sparen sich die Butter vom Brot, um heizen zu können und Erwerbslose finden gar keine Bleibe mehr, die den realitätsfernen amtlichen Richtlinien auch nur annähernd entspricht.

Mehr Zwangsräumungen

Wenn die Fixkosten den Leuten über den Kopf wachsen, ist es kein Wunder, dass die Zahl der Zwangsräumungen wegen Mietschulden in die Höhe schießt. Die Bewohner von mehr als 30.000 Haushalten verloren deshalb im Jahr 2023 ihr Dach über dem Kopf, wie die Bundesregierung auf Anfrage der Linken zugeben musste.Wenig erstaunlich ist auch, dass die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) zu Beginn dieses Jahres 18 Prozent mehr Obdachlose zählte als im Vorjahr.

Hetzer im Wahlkampf

Weihnachten hin oder her, es ist Wahlkampf in Deutschland. Das neoliberale Establishment tut, was es immer tut: zum Hass gegen Arme aufstacheln. Friedrich (BlackRock) Merz, Kanzlerkandidat der Unionsparteien CDU und CSU, verortet die Schuld bei ihnen und behauptet, am Bürgergeld einen zweistelligen Milliardenbetrag sparen zu können.

Dafür schlug er unter anderem eine Wohnkostenpauschale vor, die freilich noch viel niedriger ausfallen würde, als die heutigen, individuell von den unter Sparzwängen stehenden Kommunen festgelegten Mietobergrenzen schon jetzt sind. Bedürftige würden so nicht nur in die Peripherie, sondern wohl gleich unter die Brücken verdrängt – sofern diese nicht wegen Einsturzgefahr gesperrt sind.

Dass auch rund eine Million Niedriglöhner mit Bürgergeld aufstocken müssen, ebenso viele Rentner und Erwerbsunfähige Grundsicherung benötigen, viele Bedürftige psychisch und physisch so angeschlagen sind, dass sie kaum arbeiten können und die Wirtschaftskrise die Arbeitslosigkeit weiter hochtreiben wird, interessiert den Millionär nicht. Offensichtlich wünscht er sich Zustände in Deutschland, wie man sie in den USA seit Längerem beobachtet: wachsende Slums am Rand jeder größeren Stadt.

Sündenböcke für Deindustrialisierung

Merz und seine CDU-Kollegen sind freilich nicht die Einzigen, die Hetzkampagnen gegen Arme und Arbeitslose anstacheln. Die Pseudofrage, ob Sozialleistungen wie das 2023 in Bürgergeld umbenannte Hartz IV „faul und träge machen“, diskutieren die Medien seit Langem, und je stärker die Wirtschaft kriselt, desto lauter, verlogener und bedrohlicher. Genauso gut könnte man zur Diskussion stellen, ob Bundestagsmandate faul und träge machen.

Diesmal ist die Krise wirklich ernst: Die Wirtschaft schreit nach Staatshilfe (die den Armen am liebsten verwehrt wird), die neoliberalen Marktesoteriker rufen nach Deregulierung,und seit Monaten gilt die real existierende Deindustrialisierung nicht mehr als „Verschwörungstheorie“.

Dafür, dass die Industrie, nicht zuletzt dank der irrationalen deutschen Sanktionspolitik, nun in ärmere Länder mit günstigeren Energiepreisen und besseren Ausbeutungsbedingungen abwandert, sofern sie nicht ganz pleitegeht, können die (inklusive Kinder) knapp sechs Millionen Bürgergeldbezieher, elf Millionen Armutsrentner und 6,5 Millionen Niedriglöhner in Deutschland am allerwenigsten. Sie aber will die Politik nun für ihr Versagen büßen lassen: mit weiteren Sozialkürzungen, die letztlich – gewollt – ein Maulkorb für alle Lohnabhängigen sind.

Küchenpsychologen sinnieren über Armut

Tiefergehende Analysen über die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse, die Armut produzieren, sucht man in den deutschen Medien allerdings vergeblich. Stattdessen kam das ZDF kürzlich mit bürgerlicher Küchenpsychologie um die Ecke: Depression macht arm, Armut macht depressiv – wie bringt man solche Problemfälle wieder auf Trab?

Zwischen Hetzkampagnen und zunehmend widerwilligen karitativen Verrenkungen, die schleichend in Wut auf die wachsende Zahl der Armen selbst umschlägt, wird das Problem Armut nun also – man kennt das schon – individualisiert und psychologisiert: Kann ja keiner was dafür, dass ihr arm seid. Ihr könntet euch ja auch mehr anstrengen. Vielleicht helfen ein paar Pillen?

Zeitenwende lässt Charity-Fassade bröckeln

Antidepressiva helfen hier ganz sicher nicht. Jedenfalls nicht gegen die politisch gewahrten und zunehmend ungleichen wirtschaftlichen Eigentumsverhältnisse, nicht gegen die zunehmende Monopolisierung von Kapital und Macht, nicht gegen die Abhängigkeit der Massen von Großkonzernen, die letztlich jeden rauswerfen können, den sie für nicht mehr nützlich genug halten, und schon gar nicht gegen Hetzkampagnen, die Armen die Schuld an allen Verwerfungen zuschieben und sie zu Sündenböcken erklären.

Dass die Fassade der Nächstenliebe nicht einmal mehr in der Weihnachtszeit einen frischen Kurzzeitanstrich bekommt, zeigt, wie dünn sie war, und wie verlogen. Und dass die Zeiten härter werden, dies sogar mit Ansage. Die beschworene „Zeitenwende“ bedeutet zuallererst wohl einen Krieg gegen die Armen zugunsten der Profite, vor allem für die Rüstungsindustrie. Es wird sich zeigen, ob der Krieg bald auch in Deutschland mit Waffengewalt ausgetragen wird.

Quelle: RT DE

Hinweis: Gastbeiträge geben immer die Meinung des jeweiligen Autors wieder, nicht meine. Ich veröffentliche sie aber gerne, um eine vielfältigeres Bild zu geben. Die Leserinnen und Leser dieses Blogs sind auch in der Lage sich selbst ein Bild zu machen.

Anbei:

Vor Jahren nahm ich an einer sozialen Stadtführung des Straßenmagazins BODO in Bochum teil und schrieb einen Bericht darüber auf Freitag.de/Community: hier.

Das andere Bochum

Wie leben eigentlich unsere Mit-Menschen, die Wohnungslosen? Bei einer „Sozialen Stadtführung“ am Samstag in Bochum konnte man eine Ahnung davon bekommen Von

Stadtführungen sind für gewöhnlich etwas wobei Guides im Auftrag der Kommunen deren Teilnehmern ihre Sehenswürdigkeiten beziehungsweise das, was sie dafür halten, mit Freude und Stolz präsentieren. Das Ganze wird dann noch mit historischen Daten, Namen großer Gelehrter oder Künstler die mit der Stadt in Beziehung standen oder stehen etc. sowie diversen Anekdötchen angereichert. Stellen und Erscheinungen dagegen im Stadtbild, auf die die jeweiligen Orte keinen Grund haben stolz zu sein, werden dabei so gut es eben geht ausgeblendet. Geht es gar nicht anders, werden schon einmal Erklärungen diesbezüglicher Erscheinungen eingeschoben, um dann möglichst rasch wieder zu den schöneren Seiten der Stadtführung überzugehen.

Stadtführungen sind für gewöhnlich etwas wobei Guides im Auftrag der Kommunen deren Teilnehmern ihre Sehenswürdigkeiten beziehungsweise das, was sie dafür halten, mit Freude und Stolz präsentieren. Das Ganze wird dann noch mit historischen Daten, Namen großer Gelehrter oder Künstler die mit der Stadt in Beziehung standen oder stehen etc. sowie diversen Anekdötchen angereichert. Stellen und Erscheinungen dagegen im Stadtbild, auf die die jeweiligen Orte keinen Grund haben stolz zu sein, werden dabei so gut es eben geht ausgeblendet. Geht es gar nicht anders, werden schon einmal Erklärungen diesbezüglicher Erscheinungen eingeschoben, um dann möglichst rasch wieder zu den schöneren Seiten der Stadtführung überzugehen.

Das ist in Bochum nicht anders als anderswo

Die Meisten denken gewiss beim Städtenamen Bochum zunächst an Herbert Grönemeyers Liebeserklärung in Liedform „Bochum“ und die Zeile „Bochum, ich komm aus dir …“ daraus. In jüngster Zeit womöglich auch an Peer Steinbrück, der angeblich Angela Merkel als Bundeskanzler ablösen will. Weil Steinbrück im Atrium der Bochumer Stadtwerke einen Vortrag gehalten hatte, der – geht man von der mehr als fürstlichen Entlohnung dafür aus – wohl unwahrscheinlich bonfortionös gewesens ein muss. Wenngleich die Ruhrgebietsmetropole Bochum freilich kein Elbflorenz ist, wie die Kunststadt Dresden genannt wird: Bochum, die Bochumer hat/haben Herz.

Menschen können auch jenseits vom Bermuda3Eck ihrer selbst verloren gehen

Nicht nur im „Bermuda3Eck“ Bochum, einem Gastronomieareal von zwei Kilometer Ausdehnung mit über 7000 Plätzen, kann ein Mensch seiner selbst verlustig gehen. Andere, viel zu viele Menschen können von derlei Amüsement nicht einmal träumen. Sie leben auf der Straße. Nach einer Schätzung der Bundesabeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) ist die Zahl dieser Menschen in den Jahren von 2010 bis 2012 um 15 Prozent „drastisch“ gestiegen. Einer Schätzung der BAGW zufolge lag die Zahl der Wohungslosen in Deutschland im vergangenen Jahr bei 284.000.

Soziale Stadtführung von bodo

Wie leben diese Mitmenschen? Wie verbringen – überstehen – sie den Tag und vor allem: die Nacht? Und wo tun sie das? Welche Hilfsangebote gibt es dafür auf das Beispiel Bochum bezogen? Dem Verein bodo.ev (BochumDortmund), der das gleichnamige Straßenmagazin „bodo“ herausgibt, ist es zu verdanken, dass sich interessierte Bürgerinnen und Bürger jeden dritten Samstag im Monat selbst ein Bild von der Stadt Bochum aus der Sicht der „Menschen am Rand“ machen können. Am 17. August stand wieder eine „Soziale Stadtführung“ an. Für die Freitag-Community nahm ich daran teil. Auf der sozialen Stadtführung zeigen Verkäufer des Straßenmagazins „ihr“ Bochum.

Stadtführer Markus von BODO. Foto:© Claus Stille

Treffpunkt Stühmeyerstraße 33, Bochum

Nach und nach trudelten die Menschen, die ihre Teilnahme zuvor telefonisch avisiert hatten, um 11 Uhr herum am vereinbartem Treffpunkt an der Bochumer Anlaufstelle des Vereins bodo in der Stühmeyerstraße 33, einem ehemaligen Fabrikgebäude, ein. Diesmal war sogar ein Hund dabei. Die soziale Führung „kostet“ 1, 80 Euro. Das ist der Preis für eine Ausgabe des Straßenmagazins bodo. Neunzig Cent davon bekommt der Verkäufer. Stadtführer ist diesmal Verkäufer Markus. Ein Mann, der selbst einmal wohnungslos war und durch bodo wieder auf die Beine und zu einer Wohnstatt gekommen ist. Markus nimmt seine Aufgabe als Stadtführer sehr ernst und beginnt sofort mit seinen einleitenden Worten. Als es einmal unruhig wird, wirft er ein kurzes, aber bestimmtes „Silencium!“ in die Runde der Teilnehmerinnen und Teilnehmer – acht Menschen und ein Hund – und er kann in seinem Vortrag ungestört fortfahren.

Markus legt ein forsches Tempo vor. Nachmittag hat er noch eine Verpflichtung in einer Bochumer Kirchengemeinde. Niemand der Tourteilnehmer murrt. Man empfindet die Führung zugleich als eine Möglichkeit sich gewissermaßen sportlich zu betätigen: Man bewegt sich ja eh zu wenig. Auch der Hund, in Menschenjahren gerechnet 40, läuft je weiter es geht aus Sicht der Halter zu ganz ungeahnter Form auf.

Station 1: Beratungsstelle für wohnungslose Männer

Erste Station ist eine Beratungsstelle für wohnungslose Männer unweit der Bochumer Musikschule. Diese so, informiert Markus, wird von der Diakonie betrieben. Die Beratungsstelle ist für Menschen in besonderen Notlagen da. Insbesondere richtet sich deren Angebot an wohnungslose oder von Wohnungslosigkeit bedrohte Männer in Bochum. Ob sie nun Probleme mit Behörden und Ämtern haben, auf der Suche nach einer neuen Wohnung sind, von finanziellen Problemen bzw. Schulden geplagt werden, oder Schwierigkeiten haben, den Alltag zu bewältigen – in der Beratungsstelle versucht man ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Markus ergänzt: „Die Männer können auch die Adresse der Beratungsstelle als Postadresse angeben. Für Behörden. „Oder,“ schmunzelt Markus, „für Liebesbriefe. Ja“, bekräftigt unser Stadtführer und man kann es sich denken. „Manchmal brauchen auch Wohnungslose Liebe. Vielleicht sogar mehr wie Andere …“

Drinnen gibt es ein Aufenthaltsbereich, eine Kaffeeküche, eine Waschküche mit Waschmaschine und Trockner, Sanitärräume mit Duschen und WC und eine Kleiderkammer.

Station 2: Bahnhofsmission

Schon geht es weiter. Direkt zum Hauptbahnhof. Neben der Wache der Bundespolizei ein kleines Kabüffchen: Die Bahnhofsmission. Gleich neben dem Eingang links sitzen zwei Klienten und nippen an ihrem Kaffee. Zwei rührige Praktikanten, beides Studenten im Sozialbereich, geben uns profund Auskunft über Sinn und Zweck der Bahnhofsmissionen. Seit mehr als hundert Jahren sind Bahnhofsmissionen für Menschen da, die Hilfe brauchen. „Dort“, heisst es in einem kleinen Leporello, den man uns überreicht, „wo Menschen ankommen und doch verloren sind“. Umsteigehilfe, Kurzberatung, Hilfevermittlung, Begleitung von allein reisenden Kindern, Hilfe für Menschen mit Handicap und viele andere mehr bieten die Bahnhofsmissionen an. Auch hier wieder trifft man auf Menschen, die wohnungslos sind. Hier gibt es für sie einen Kaffee oder ein Kaltgetränk. Die äußerst engagiert wirkende Praktikantin erwähnt lobend einen türkischen Bäcker, der täglich Brot spendet. Die Deutsche Bahn AG findet insofern Lob, dass sie der Minibahnhofsmission die Räumlichkeit kostenfrei zur Verfügung stellt. Immerhin profitiert sie auch von den diversen Hilfestellungen, welche die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bahnhofsmission den Reisenden im Bahnhof und an den Gleisen angedeihen lassen. Bahnhofsmissionen, erfahren wir am Rande, sind heutzutage ökumenisch organisiert, d.h. von Katholischer und Evangelischer Kirche getragen.

3. Station: „Sprungbrett“ für Jugendliche und junge Erwachsene

Schnell ausschreitend, Markus als Schrittmacher voran, passiert unser Gruppe den Bochumer Hauptbahnhof, „zischt“ über den Wochenmarkt am Hinterausgang der Bahnstation, um sogleich die Ferdinandstraße zu überschreiten. Und schon stehen wir vor der noch verschlossenen Tür unsere heutigen dritten Tourstation, dem „Sprungbrett“ mit seiner bunten Fassade. Uns wird von einer Sozialarbeiterin aufgetan, die in dieser Einrichtung bereits über zehn Jahre tätig ist. Das „Sprungbrett“ hat seine Heimstatt in einer ehemaligen Kneipe. Es ist Anlaufpunkt für Jugendliche und junge Erwachsene. Diese Zielgruppe erhält hier bei Stress mit den Eltern, der Schule, in der Ausbildung, Drogenproblemen, Schwierigkeiten rund ums Wohnen und bei Ärger mit Ämtern Beratuung. Es gibt Essen. Eine Ehrenamtliche kocht gerne für die jungen Leute und die nehmen es gerne an. Die Renner sind Bohnen und Erbsensuppe, hören wir. „Viele kennen das von zu Hause gar nicht mehr.“ Wie alle bisherigen Hilfs- und Beratungsstellen begreift sich auch das „Sprungbrett“ als niedrigschwellig. Hier geht es transparent und verschwiegen zu. Nach dem Motto: „Nicht wir entscheiden, sondern Du.“ Kontakt mit den Jugendlichen wird nur auf deren Wunsch aufgenommen. Wenn sie es möchten, können sie auch anonym bleiben.

Besorgniserregend sei es, so die symphatische Sozialarbeiterin, die auch nach mehr als zehn Jahren noch mit Herz und Seele dabei ist, dass man verstärkt feststelle, dass immer mehr Jugendliche psychische Störungen haben. Ob dafür der zunehmende Gebrauch von Computern, Internet, sozialen Netzwerken und Co. verantwortlich ist, wie die Mitarbeiterin vermutet, könne man bisher nur vermuten. Hinsichtlich dessen ist ein penionsierter Neurologe für das „Sprungbrett“ ein Glücksfall. Der schaut ab und an – oder eigens herbeigerufen – vorbei und hilft, wo er kann. Auch ein Rechtsanwalt steht bei Bedarf und kniffligen juristischen Angelegenheiten zur Verfügung. Es ist gemütlich im „Sprungbrett“. Bunt und muckelig. Ein Billiardtisch gibt es auch. Hier können die jungen Leute „chillen“, wie das heute heisst. Sie werden in Ruhe gelassen. Alkohol und Drogen sind tabu. Gibt es Streit, müssen die Streihähne gehen. Wie wir hören, kommt das aber selten vor. Die Klientel weiß die Einrichtung zu schätzen.

4. Station: Schlaf am Zug

Und schon wieder geht weiter auf Bochums Straßen. Diesmal in Richtung Ruhrstadion. Hinter einer Bahnüberführung heisst es für uns, schon etwas fußmüde geworden, eine steile Treppe zu erklimmen. Der Hund ist sichtlich in Hochform. Er ist vor uns allen droben. Am Ende der Gasse in Sichtweite eines Krankenhauses stehen wir schon bald vor einem orangefarbenen bungalwoähnlichen Gebäude. Neben verschlossenen Tür ein blaues Schild mit der weißen Aufschrift „Schlafen am Zug“. Das leuchtet ein: Kaum einen Steinwurf entfernt verlaufen die Bahnschienen. Markus informiert, dass die Notschlafstelle „Schlaf am Zug“ Jungen und Mädchen im Alter zwischen 14 und 21 Jahren ohne Obdach nächtens aufnimmt.

Ein Ehrenamtlicher von bodo, der unser Begleiter ist, pflicht etwas ein. Markus aber ist keiner, der sich die (Stadtfüher-)Butter vom Brot nehmen lässt. Nach einer kleinen Ermahnung hält Markus, der seine Aufgabe sichtlich mit hohem Engagement wahrnimmt, die Zügel wieder fest in der Hand. Schmunzeln und nickende Zustimmung aus der Gruppe.
Die Jugendlichen können bis zu zehn Tage am Stück den „Schlaf am Zug“ geniessen. Am vierten Tage jedoch sind sie zu einem Aufnahmegespräch verpflichtet, in dem sie auch über ihre Situation und Probleme reden. Dazu gehört es auch, seine Identität zu offenbaren. Wer das nicht möchte, muss gehen, kann aber ein anderes Mal wieder kommen. Die Einrichtung hat durchaus kleine Erfolge zu verzeichnen. Von hier aus können sich Jugendliche auch mit ihren Eltern verständigen und einen Ausgleich suchen. Kleine Erfolge sind indes besser als gar keine.

5. Station: Suppenküche

Die Notunterkunft für Wohnungslose spart Markus (der Kirchentermin am Nachmittag) heute aus. Unsere schon etwas lahm gewordenen Füsse danken es uns. Und abermals heisst Kilometer machen auf Bochums Pflaster. Dann schließt sich der Kreis: Wir sind wieder am Ausgangspunkt in der Stühmeyer Straße 33 angelangt. Genauer eine Tür weiter. Dahinter befindet sich die Suppenküche. Unter diesem Dach gibt aber auch Frühstück. Bezüglich der Zuständigkeiten und Trägerschaften sind wir wohl alle ein wenig verwirrt. Nur Tourteilnehmer Martin bringt es aber dann zum Ausdruck. Wir erfahren, hier ist die Caritas tätig wie auch der gemeinnützige Verein Bochumer Suppenküche e.V. – beiden Einrichtungen ist zu eigen: sie helfen jeder auf seine Weise Bedürftigen. Und zwar ebenfalls niedrigschwellig.

Die nette Dame an der Ausgabe verweist darauf, dass die Einrichtung längst nicht nur von Wohnungslosen aufgesucht werde. Es sind auch Leute dabei, die eine Wohnung haben. Die entweder bedürftig, einsam oder beides zusammen sind. Ausweisen muss ich jedoch niemand. 140 Menschen kommen nach eignen Angaben durchschnittlich in die Einrichtung.

Zurück in der Bochumer Anlaufstelle des Vereins bodo

Schlussendlich schlurfen wir mit mehr oder weniger bleischweren Füßen wieder an den großen Tisch in der Bochumer Anlaufstelle von bodo. Dort sinken wir auf die Stühle, um Markus Schlussworten zu lauschen. Niemand schwatzt. Dem Hund hängst die Zunge heraus. Ermahnungen kann sich Markus deshalb sparen. Dann erklingen Dankesworte. Applaus folgt. Beides gilt Markus unserem Stadtführer dieser ganz besonderen Tour an diesem Augustsamstag. Einem Manne, der am eigenen Leib und eigner Seele erfahren musste, was Wohnungslosigkeit bedeutet. Auch, wenn es ihm erspart blieb „Platte“ zu machen (auf der Straße schlafen).

Niemand von uns möchte die eine oder andere Erfahrung machen müssen. Aber die Zeiten sind so, dass so etwas immer im Hintergrunde droht. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich beständig. Leider. Um die 284.000 Wohnungslose gibt es in Deutschland. Jeder einzelne davon ist ein Wohnungsloser zuviel. Es könnten künftig noch mehr werden. Es gibt Fachleute, die vor einer steigenden Wohungsnot in Deutschland warnen. Immer mehr Menschen können sich die Miete nur noch schwer oder gar nicht mehr leisten. Hartz-IV-Betroffene und prekär Beschäftigte stehen am Rande unserer Gesellschaft. Am Rande unsere Gesellschaft und doch mitten in ihr wandelten wir am Samstag unter Straßenzeitungsverkäufer Markus‘ Führung, indem wir über Bochums Straßen wandelten.

Fazit

Wie leben unsere Mitmenschen, die Wohnungslosen? Wie verbringen – überstehen – sie den Tag und vor allem: die Nacht? Und wo tun sie das? Welche Hilfsangebote gibt es dafür auf das Beispiel Bochum bezogen? Wir haben an diesem Samstag eine Ahnung davon bekommen. Mehr nicht. Es war eine Erfahrung, die unter die Haut ging. Sehenswürdigkeiten haben wir indes nicht gesehen. Wir hatten ja auch etwas anderes „gebucht“. Keine Sightseeing-Tour. Sondern dem völlig konträr: eine „Soziale Stadtführung“. Wir sahen das andere Bochum. Manche, denen wir davon erzählen, werden vielleicht sagen: Verrückt! Ja, müsste man ihnen antworten: Ver-rückt!

Beitragsbild: ©Claus Stille; Schlafeinrichtung für wohnunglose Jugendliche in Bochum

Hinweis: Zuerst erschienen am 18.08.2013 auf meinem Blog ansansörpress35 (Claus-Dieter Stille) Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community.

Politische Instabilität

Prognosen, so sagte Loriot einmal, sind immer schwierig,  vor allem aber dann, wenn sie sich auf die Zukunft beziehen. Damit hat er zweifellos Recht.  Prognosen sollte man daher sehr vorsichtig dosieren, denn die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht zutreffen, ist hoch. Ich will hier trotzdem eine platzieren. Am vergangenen Montag habe ich die Debatte im Bundestag […]

Politische Instabilität

Newsletter nach dem Tod von Fritz Edlinger (26.O1.1948 – 04.12.2024), Chefredakteur der Zeitschrift INTERNATIONAL

Geschätzte Freundinnen und Freunde des INTERNATIONAL

Ich melde mich als (formal gesehen) Stellvertreterin von Fritz Edlinger, des Herausgeber und Chefredakteurs, der leider am 4. Dezember 2024 unvorhergesehen in Wien verstorben ist.

Sein Ableben stellt einen riesigen Verlust dar, nicht zuletzt was vom Mainstream abweichende Berichterstattung und Analyse internationaler Politik betrifft. Das kam auch in den zahlreichen Nachrufen zum Ausdruck, die Edlingers Verdienste und sein unermüdliches Bemühen würdigten.

Die Redaktion, für die ich hier das Wort ergreife, ist über den Verlust dieses Freundes, empathischen Menschen und Giganten der österreichischen (und weit darüber hinaus) Medienwelt tief betroffen. Wir sind dabei, die Auslieferung der noch von Fritz konzipierten und fast finalisierten, vorläufig letzten Ausgabe der Zeitschrift an die Abonnenten vorzubereiten. Sie sollte noch vor Weihnachten bei den EmpfängerInnen sein.

Im Zusammenwirken mit den nächsten Verwandten werden wir auch an der Gestaltung des Begräbnisses mitwirken, das voraussichtlich Anfang Jänner 2025 in Wien stattfinden wird. Dazu wird es einen separaten Newsletter geben.

Natürlich wäre es sehr schade, wenn mit dem Ableben von F. Edlinger auch sein Lebenswerk, die Zeitschrift, der Newsletter, der zuletzt so erfolgreiche YouTube-Kanal mit den Interviews, ihr Ende fänden und Fritzens riesiges Netz an Kontakten weit über Österreichs Grenzen hinaus zerfiele. Daher haben bereits Überlegungen eingesetzt, wie dieses Lebenswerk fortzusetzen wäre. Auch dazu werde ich zu gegebener Zeit berichten.

Kommentare zum aktuellen Weltgeschehen, insbesondere im Nahen Osten, will ich Ihnen ersparen und mir nur vorzustellen versuchen, was Fritz wohl dazu zu sagen hätte…..

Quelle: Dr. Gabriele Matzner, Stellvertreterin

International auf YouTube

Beitragsbild: Screenshot