Vielleicht muss man von einem Staatsräson-Wahn sprechen. Denn was kann es anderes als purer Wahn sein, sich an vorderster Staatsfront öffentlichkeitswirksam einem rassistischen Hooligan-Mob anzuschließen, einer Schlägertruppe, die keineswegs nur in Amsterdam entsprechend auffällig geworden war?
Kaum zu glauben: Eine Gruppe von Bundestagsabgeordneten aus Union, SPD, Grünen und FDP mag offensichtlich rassistische Fußball-Hooligans. Im Rausch falsch verstandenen Anti-Antisemitismus gründeten sie nun ihren eigenen Maccabi-Tel-Aviv-Fanclub namens „Bundestags-Makkabäer“.
Von Susan Bonath
Immer wenn man glaubt, tiefer kann die deutsche Politik nun wirklich nicht mehr sinken, kommt es härter. So wie in einem brandaktuellen Fall: Ein Häufchen überbezahlter Abgeordneter aus CDU, FDP, SPD und von den Grünen hatte nach der Ampel-Auflösung im Bundestag wohl zu viel Langeweile. So steckte dieses, unglaublich aber wahr, seine Köpfe zusammen, um „gegen Antisemitismus“ tätig zu werden. Das Ergebnis: Die Gründung eines Bundestagsfanclubs für Maccabi Tel Aviv, im Bundestag allerdings mit hartem „Doppel-K“ „Makkabi“ geschrieben.
Nein, das ist kein Witz. Einige Medien berichteten darüber. Die Clubgründer blicken dabei auf die Ausschreitungen in der niederländischen Hauptstadt Amsterdam Anfang November. Die allerdings begannen damit, wie man heute weiß, dass Maccabi-Ultras mit rassistischen Gesängen durch Amsterdamer Straßen zogen, allen Arabern den Tod wünschten und das Abschlachten von Zehntausenden Kindern im Gazastreifen feierten, mit Liedzeilen wie: „Warum gibt es in Gaza keine Schulen mehr? Weil keine Kinder mehr da sind.“
Maccabi-Ultras, allzu bekannt als rassistische Fußball-Hooligans, griffen dann auch wahllos Passanten vor allem arabischer Herkunft an, rissen Palästina-Fahnen von Gebäuden, bedrohten Taxifahrer, demolierten Autos und Bauzäune und so weiter. Um schließlich von Einheimischen die Rechnung für ihr rassistisches und gewalttätiges Wüten zu bekommen, auf Deutsch gesagt: ein paar in die Fresse. Was wiederum deutsche und andere westliche Medien zu einem „Pogrom gegen Juden“ stilisierten.
Maccabi-Ultras gibt es nun also auch im Bundestag? Ja, offensichtlich. Der deutsche Ableger des Vereins, Makkabi Deutschland e.V., lobte die Spontangründung am Mittwoch in höchsten Tönen:
„Dr. Thorsten Lieb (FDP), Stephan Mayer (CDU/CSU), Omid Nouripour (Grüne) und Mahmut Özdemir (SPD) haben heute in Berlin die Gründung des Fanclubs ‚Bundestags-Makkabäer‘ initiiert.“
Die Beweihräucherung erklomm mal wieder Dimensionen: Diese „interfraktionelle Initiative“ setze „ein klares Signal für Vielfalt, Respekt und das jüdische Leben in Deutschland“ und sei „ein klares Zeichen für politische Einheit und Solidarität“, heißt es da beispielsweise.
Erwartbar hob man auch noch einmal mehr die Schrecklichkeit des 7. Oktober 2023 hervor – ohne jeden Kontext freilich, wie: die jahrzehntelange völkerrechtswidrige israelische Militärbesatzung der palästinensischen Gebiete, die unmenschliche Gaza-Blockade seit dem Jahr 2007 inklusive zahlreicher Kriege mit tausenden toten Zivilisten, viele Kinder darunter, die Totalentrechtung von Millionen Palästinensern, das rassistische Apartheidsystem inklusive Wasser- und Ressourcenraub im Westjordanland und so weiter.
Wenn es um Israel geht, ist derartiger Geschichtsrevisionismus bekanntlich so normal in Deutschland wie die Gleichsetzung der US-Militärbastion im Staatsgewand namens Israel mit allen Juden weltweit. Oder andersherum: Wer Israel kritisiert, ist nach deutscher Staatsräson ein Antisemit, weil er damit dann wohl zwangsläufig alle Juden weltweit meinen müsse. Was natürlich umgekehrt suggeriert, alle Juden seien für das völkermörderische Treiben Israels verantwortlich – also selbst antisemitischer Unfug ist.
Eine solche Reflexion erwartet man schon gar nicht mehr von deutschen Bundestagsabgeordneten. Aber von den rassistischen Gesängen und Angriffen der Maccabi-Ultras in Amsterdam sollten sie dann doch schon mal gehört haben, sofern sie nicht den letzten Monat unter einem Stein verbracht haben, salopp gesagt. Doch das spielt offenkundig keine Rolle für die Gruppe dieser „ganz doll guten“.
So landet dieses von Steuergeld überbezahlte Personal dann argumentativ genau dort, wo israelische Siedlerfaschisten wie Bezalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir schon angekommen sind: in einer tiefbraunen Güllegrube, die mit antiarabischem Rassismus auf einem mörderischen Level vorgeblich Antisemitismus bekämpfen will. Die Betonung liegt auf vorgeblich, denn genau das tun sie ja nicht. Tatsächlich wandeln sie nur eine Form des Rassismus in eine andere um – und befördern damit letztlich Antisemitismus.
Drei Tage vor dem Champions League-Finale lässt der BVB eine buchstäbliche „Bombe“ platzen: Der Düsseldorfer Waffenhersteller Rheinmetall wird neuer Champions-Werbepartner! Auch wenn es in einer solch heterogenen Fanszene wie der von Borussia Dortmund angesichts der weltpolitischen Lage unterschiedliche Meinungen zur grundsätzlichen Notwendigkeit von Rüstungskonzernen gibt, sind wir uns allerdings in folgenden Punkten einig:
Zu keinem Zeitpunkt hat es eine Beteiligung von Fanvertretern gegeben. Der in der Öffentlichkeit entstandene Eindruck, Fanvertreter seien bei der Entscheidungsfindung zum Deal mit der Firma Rheinmetall befragt worden, ist unzutreffend. Eine Abstimmung hat ebenso wenig stattgefunden. Im Rahmen des Klub-Fan-Dialoges sind Fanvertreter kurz vor Bekanntgabe der Partnerschaft lediglich darüber informiert worden, dass Verhandlungen zwischen beiden Parteien stattfinden würden.
Die Art der Kommunikation sowie der Zeitpunkt der Veröffentlichung der Partnerschaft zeugen von ausgeprägtem Kalkül auf Seiten der Vereinsverantwortlichen. Insbesondere der Zeitpunkt lässt darauf schließen, dass die Reaktionen auf diese kontrovers diskutierte Entscheidung bewusst durch die Berichterstattung rund um das Champions League-Finale überstrahlt werden sollten. Negative Auswirkungen auf die Fanszene wurden dabei bewusst in Kauf genommen.
Dass sich die Verantwortlichen des BVB und all seine Gremien dazu bereiterklärt haben, die Strahlkraft von Borussia Dortmund dafür einzusetzen, das öffentliche Ansehen eines Rüstungskonzerns zu verbessern und dabei die eigenen Werte über Bord zu werfen, lehnen wir entschieden ab. Wir werden den Verantwortlichen nicht den Gefallen tun und die Sache – wie durch den Zeitpunkt der Veröffentlichung womöglich erhofft – auf sich beruhen lassen. Das dürfte allen Beteiligten klar sein.
Im Hinblick auf den Saisonstart gegen Eintracht Frankfurt rufen wir deshalb jeden einzelnen Borussen und jeden Fanclub dazu auf, seinen Unmut über den Deal mit Rheinmetall ins Stadion zu tragen. Bereitet hierzu gerne Schilder und/oder Spruchbänder vor, mit denen ihr zu Beginn der zweiten Halbzeit eure Kritik zum Ausdruck bringen könnt.
Die vom faschistischen Hitler-Regime
verübten Novemberpogrome jährten sich in diesem Jahr zum 81. Mal.
Daran, dass damals auch die jüdische Sportbewegung zerschlagen wurde, erinnerte eine Gedenkveranstaltung am Sonntagvormittag im Deutschen Fußballmuseum. Einen ganz besonderen Höhepunkt stellte die Übergabe des Meistertrikot von Max Girgulski aus dem Jahr 1936/37 an das Museum dar.
Am Sonntagnachmittag fand die
obligatorische Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht im Opernhaus am
Platz der Alten Synagoge statt.
Jüdische Fußballer waren in der
Pionierzeit des Fußballs bestimmend. Die Nazis verbannten diese
Tatsache aus dem Bewusstsein der Menschen
Jüdische Vereinsheime wurden in Brand
gesetzt, Sportplätze beschlagnahmt. Die jüdischen Vereine erhielten
ein Betätigungsverbot.
Der Direktor des Deutschen
Fußballmuseums Manuel Neukirchner strich heraus, dass dem Museum der
ganze jüdische Fußall sehr wichtig sei, weshalb man auch sehr froh
über das übereignete Trikot von Max Girgulski sei. Jüdische
Fußballspieler und Funktionäre jüdischer Herkunft seien nämlich
gerade in der Pionierzeit des Fußballs sehr bestimmend gewesen.
Neukirchner nannte stellvertretend Kurt Landauer und Walter
Bensemann, die den DFB, den FC Bayern mitbegründet haben. Sowie
herausragende Nationalspieler wie Gottfried Fuchs (erzielte die
meisten Tore – zehn – in einem Spiel) und Julius Hirsch.
Geschichte, beklagte Neukirchner, die leider vergessen ist. Weil die
Nazis es ganz gezielt betrieben hätten diese Geschichte aus dem
Bewusstsein der Menschen zu verbannen. Die so entstanden Lücken, sei
das Fußballmuseum bemüht, zu schließen.
Der Direktor des Deutschen
Fußballmuseums: Fußball spiegelt auch unsere Geschichte wider
„Das Trikot ist ein wunderbares
Geschenk für das Deutsche Fußballmuseum“, sagte dessen Direktor
Manuel Neukirchner. Der Fußball spiegele auch unsere Geschichte
wider. Viele LehrerInnen, die mit ihren Klassen das Museum besuchten,
lobten: „Was ihr mit eurer Ausstellung schafft, erreichen wir nicht
mit unseren Geschichtsbüchern.“ Darin erzählte Biografien von
Fußballern, welche in Konzentrationslagern zu Tode kamen, machten
den SchülerInnen bewusst, was damals geschah.
Dasselbe gelte für den Frauenfußball,
schwenkte Neukirchner in die jüngere Geschichte, „der bis 1970 vom
DFB verboten“ gewesen war.
Auch deutsch-deutsche Geschichte
interessiere die SchülerInnen sehr. Etwa das Spiel 1974 BRD gegen
die DDR „mit dem berühmten Sparwasser-Tor“ und die TV-Kommentare
des BRD- und des DDR-Kommentators.
Der Fußball transportiere eben auch
gesellschaftliche Themen. Unter anderem stehe das im entsprechenden
Kulturauftrag.
Dazu trage nun das Meistertrikot von
Max Girulski bestens bei.
Die Tochter von Max Girgulski,
Susana Baron, war eigens aus Chile angereist
Dafür dankte der Museumsdirektor der
Tochter des Fußballers, Susana Baron. Sie war eigens mit
Familienmitgliedern aus Chile nach Dortmund angereist.
Die Trikot wird als Exponat in die
Abteilung „Vorgeschichte der Bundesliga“ aufgenommen, wo es einen
Ehrenplatz bekommen soll. Neukirchner: „Es ist das einzig erhaltene
Trikot in Deutschland für die jüdische Sportbewegung.“ Max
Girgulski hatte es als er nach Buenos Aires emigriert ist
mitgenommen, weil ihm dieser Fußball so wichtig war. Girgulski galt
als ein hervorragender und hochbegabter Fußballer , der für
Eintracht Frankfurt gespielt hat.
Andreas Eberhardt: Das Deutsche
Fußballmuseum steht für wichtige Erinnerungskultur
Andreas Eberhardt
(Vorstandsvorsitzender der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und
Zukunft), sprach betreffs der Arbeit des Museums davon, dass hier
lebendige Erinnerungskultur geleistet werde. Wir benötigte in
Zeiten, die sich nicht unbedingt zum Besseren gewandelt haben,
unterstrich Eberhardt, dringend gesellschaftliche Vorbilder vor allem
für die Jugend.
„Es gibt schon seit längerem Alarmzeichen, wie präsent
Judenhass in diesem Land ist“, sagte Mark Dainow
Mit Mark Dainow, dem Vizepräsidenten
des Zentralrates der Juden in Deutschland, war einer der höchsten
Repräsentanten jüdischen Lebens hierzulande zu Gast im Deutschen
Fußballmuseum. Dainow rief die schlimmen Ereignisse des 9. November
1938 in Erinnerung. Für die Nazis sei das der Auftakt zur Shoa
gewesen. Danach habe es für die Nazis kein Halten mehr gegeben,
hätten sie doch bemerkt, wie gering „der Widerstand gegen ihren
teuflischen Plan“ in der Bevölkerung war.
Mark Dainow.
Müsse das damalige Geschehen nicht allgemein bekannt sein heute,
fragte Dainow und gab die Antwort sogleich die Antwort darauf:
„Anscheinend leider nicht.“ Dies sei ihm schon lange vor den
furchtbaren rechtsterroristischen Morden in Halle klar gewesen. Mark
Dainow gab in seinem Grußwort zu bedenken: „Es gibt schon seit
längerem Alarmzeichen, wie präsent Judenhass in diesem Land ist.
Offenbar sind Teile der Gesellschaft vergessend und unwissend. Viele
wüssten offenbar auch nicht, dass von den Nationalsozialisten
verfolgte und ermordete jüdische Spieler wie Julius Hirsch Stars des
deutschen Fußballs waren.“ Und er forderte: „Wir dürfen uns im
Kampf gegen dieses Vergessen und Unwissen nicht beirren lassen.“
Dainow zitierte Helmut Kohl: „Wer die Vergangenheit nicht kennt,
kann Gegenwart nicht verstehen und Zukunft nicht gestalten.“
Antisemitische und rechtsradikale
Täter nicht länger als „Einzeltäter“ verharmlosen
In ihrem Impulsvortrag „Fußball und
Antisemitismus“ sprach Prof. Stefanie Schüler-Springorum (Leiterin
des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin), selbst
leidenschaftlich fußballbegeistert, über die Entwicklung des
Antisemitismus im Deutschen Fußball. Sie bestätigte darin das
Vergessen jüdischer Fußballspieler nach dem Zweiten Weltkrieg und
erinnerte daran, dass Vertreter des jüdischen Fußballs nach 1945
nicht wirklich willkommen waren hierzulande. Vertreter des DFB und
der Vereine seien schließlich aktiver Teil des NS-Regimes gewesen.
In Sachen Vergangenheitsbewältigung sei lange nichts unternommen
worden. Im Gegenteil: Als die deutsche Mannschaft 1954 Weltmeister
geworden sei, hätte man das Gefühl vermittelt: „Wir sind wieder
wer!“
Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum.
Wenn früher und auch jetzt wieder
Taten aus der rechten und neonazistische Ecke begangen wurden und
werden und darüber dann immer wieder die Rede von „Einzeltätern“
gehe, dann so Schüler-Springorum, könne und wolle sie das weder
länger hören. Aber erst recht nicht mehr hinnehmen. Auch nicht die
antisemitischen und rechtsradikalen Ausfälle in deutschen Stadien
und auf allen Ebenen des Fußballs. Beispielsweise gegen RB Leipzig.
Alon Meyer bezüglich
Antisemitismus: „Wie müssen ins Agieren kommen!“
Während einer Diskussionsrunde mit
Experten aus Sport und Gesellschaft über Antisemitismus im heutigen
Sport redete u.a Alon Meyer, Präsident von Makkabi Deutschland,
über den traurigen Ereignissen Fußballalltag, wo antijüdische
Schmierereien nur ein Teil davon darstellten, Tacheles. Er rief in
Form einer „dringlichen Bitte“ dazu, dass auch das Museum sich an
das Publikum richten möge, dass nicht den Weg in Museen finde. Zu
diesem Behufe müssten Schulen verstärkt angesprochen werden, um
deren SchülerInnen möglicherweise auch verpflichtend ins
Fußballmuseum zu bringen, um sie u.a. betreffs des Themas
Antisemitismus zu sensibilisieren. Nicht nur Prävention und
Ansprache sei wichtig: „Wie müssen auch ins Agieren kommen!“
Gegen rassistische und antisemitische Taten in den Fußballstadien
und auch davor müsse entschieden und resolut vorgegangen werden.
Auch mit Verbandsausschlüssen und Stadionverboten müsse unter
Umständen gearbeitet werden. Darüber war sich die Runde einig.
Erhebender und feierlicher
Augenblick: die Enthüllung des Makkabi-Meistertrikots von Max
Girgulski
Ein erhebender und feierlicher
Augenblick an diesem Sonntagvormittag war dann die Enthüllung des
Makkabi-Meistertrikots von Max Girgulski durch dessen Tochter.
Max Gilgurskys Sohn
Rony hielt das Trikot nach dem Tod des Vater in Ehren. Dessen
Schwester Susana Baron, die seit ihrer Heirat in Chile lebt,
verwahrte das Meistertrikot des Vaters nach ihm.
Bis sie vom Interesse des
Dortmunder Fußballmuseums am Trikot erfuhr und sich entschloss ihm
Trikot des Vaters dauerhaft zu überlassen.
Susana Baron erzählte vom Lebensweg ihres Vaters: „Er
wäre sicher stolz, dass sein Trikot nun im Deutschen Fußballmuseum
ausgestellt wird. Es ist der richtige Ort. Ich hoffe, das Trikot
meines Vaters dient insbesondere den jungen Ausstellungsgästen als
Erinnerung, dass sich die Geschichte von Ausgrenzung, Verfolgung und
Ermordung nie wiederholen darf.“
Susana Baron.
Girgulski war in den 1920er Jahren ein talentierter Nachwuchsspieler von Eintracht Frankfurt, der unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten den Verein verlassen musste und in den folgenden Jahren mit dem jüdischen Verein Bar Kochba erfolgreich an den Deutschen Makkabi-Meisterschaften teilnahm. Infolge der immer massiveren Ausgrenzung und Verfolgung wanderte Girgulski 1938 nach Argentinien aus. Nach Deutschland kehrte er nie wieder zurück.
Beitragsbild: Susana Baron und Manuel Neukirchner. Und alle anderen Fotos (Quelle: Deutsches Fußballmuseum)
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SONNTAGNACHMITTAG: GEDENKVERANSTALTUNG AM PLATZ DER ALTEN SYNAGOGE
Am Sonntagnachmittag fand die
traditionelle Gedenkveranstaltung im Opernhaus des Theaters Dortmund
am Platz der Alten Synagoge statt. Sie war sehr stark besucht.
Darbietung Jugendlicher zum Gedenken an die Pogromnacht auf dem Platz der Alten Syngoge vorm Opernhaus Dortmund. Foto: O. Schaper
Bürgermeisterin Birgit Jörder
erinnerte an die schrecklichen Ereignisse von 81. Jahren. Die
Erinnerung zeige, so Jörder im Opernfoyer, wie schnell Vorurteile
in offene Gewalt umschlagen können, „begleitet vom Schweigen einer
großen Mehrheit“. Weshalb man mit Sorge auf einen wieder
wachsenden Antisemitismus schaue.
Bürgermeisterin Birgit Jörder:
Das, was wir als sicher geglaubt haben, ist nicht sicher
Jörder: „Dass
in diesem Jahr eine jüdische Einrichtung in Deutschland massiv
angegriffen worden ist, beweist, dass der deutsche Lernprozess über
den Antisemitismus nicht vorbei ist – und mit dem Anschlag von Halle
wieder von vorne anfängt.“ Und weiter mahnte sie: Deshalb
gedenken wir heute mit dem Versprechen, uns allen Angriffen auf
unsere Gesellschaft entschlossen entgegenzustellen. Wir gedenken
mit dem Auftrag aktiv zu werden in einer Zeit, in der einige
Politiker sich im bürgerlichen Gewand staats- und rechtstreu geben,
aber gezielt gegen die Gebote der Menschlichkeit verstoßen. Und
wir gedenken mit der Botschaft, dass die demokratische Mehrheit
wachsam bleiben muss und es keinerlei Toleranz geben darf, wenn
Menschen aufgrund ihres Glaubens angegriffen werden.“
Dieser
Gedenktag sage eben auch: „das,
was wir als sicher geglaubt haben, ist nicht sicher.“
Zwi
Rappoport dankt der Dortmunder Stadtgesellschaft für den Kampf gegen
Rechts, kann jedoch nicht verstehen, dass regelmäßig Naziaufmärsche
erlaubt werden
Zwi
Rappoport, Vorsitzender Landesverband der jüdischen Gemeinde von
Westfalen Lippe und Vorstand der Jüdischen Kultusgemeinde
Groß-Dortmund, sprach vom von den Nazis erzwungenem Abriss der
Dortmunder Synagoge – noch vor dem 9. November. Auch er
thematisierte die zunehmenden antisemitischen Ausfälle in der
Gesellschaft.
Er
kritisierte, dass hierzulande eine wirkliche Entnazifizierung nicht
stattgefunden habe. Bis in höchste Ämter hätten es frühere Nazis
nach 1945 in der BRD wieder geschafft.
Maskierten
Judenhass in der Gesellschaft, skandalisierte Rappoport, nehme „die
Kleinstpartei Die Rechte“ dankbar auf. Dass die demokratische
Stadtgesellschaft dagegen massiv angehe, registriere die jüdischen
Gemeinschaft positiv.
Mit
Unverständnis reagiere man dagegen darauf, dass Gerichte regelmäßig
Naziaufmärsche mit dem Verweis auf die Meinungsfreiheit erlaube.
Sogar den Neonaziaufmarsch ausgerechnet am 9. November in Bielefeld.
Oberstaatsanwalt
Andreas Brendel berichtet bewegt von seiner Bearbeitung von
NS-Verbrechen
Kritik
an der Justiz konnte Oberstaatsanwalt Andreas Brendel (Leiter der
„Zentralstelle NRW für die Bearbeitung von
nationalsozialistischen Massenverbrechen“) als Vertreter der
Staatsanwaltschaft Dortmund nicht auf seine Arbeit beziehen. Brendel
gestand jedoch zu, dass die Justiz nach 1945 vieles vernachlässigt
und manches falsch gemacht habe.
Bewegt
von seinen Eindrücken bezüglich seiner Ermittlungen und
Einvernahmen von überlebenden Zeugen von NS-Verbrechen, etwa
Massakern, im Ausland schilderte er Begegnungen mit ihnen
beispielsweise in Frankreich.
Jüdisches
Gebet und Kranzniederlegung auf dem Platz der Alten Synagoge
Im
Anschluss an die Redebeiträge hielt Kantor Arie Mozes ein jüdisches
Gebet.
Die
musikalischen Beiträge der Gedenkveranstaltung im Opernfoyer führte
das „duo soleil levant“ (Sandra Wilhelms und Gereon Kleinhubbert)
aus.
Bürgermeisterin Birgit Jörder und Rabbiner Baruch Babaev bei der Kranzniederleung. Foto: O. Schaper.
Auf
dem Platz der Alten Synagoge am Gedenkort für die das einstige
jüdische Gotteshaus wurden zum Abschluss der Gedenkfeier Kränze
niedergelegt.
Zentralbild Illner 12.5.1955 – VIII. Internationale Friedensfahrt Prag-Berlin-Warschau 1955 – 8. Etappe von Leipzig nach Berlin über 200 km. UBz: Der strahlende Etappensieger in Leipzig, Schur (DDR). Via Wikipedia.
Die Jury der „Hall of Fame des deutschen Sports“ (HoF) hat vier neue Mitglieder gewählt, vermeldet sie: Heike Drechsler, Sven Hannawald, Franz Keller und Lothar Matthäus erhielten jeweils eine deutliche Stimmenmehrheit. Gustav-Adolf „Täve“ Schur“ heiß es, „verfehlte das Quorum von 50 Prozent der abgegebenen Stimmen“.
Die Radsportlegende wurde bereits das zweite Mal abgelehnt. Eine dritten Anlauf soll es nun nicht mehr geben.
Fortsetzung des Kalten Krieges?
Ist diese zweite Ablehnung des DDR-Sportidols, dem wir als Kinder bei der Internationalen Friedensfahrt mit „Täve, Täve!“-Rufen vom Straßenrand zujubelten und anfeuerten, eine Fortsetzung des Kalten Krieges aus Zeiten der Systemkonfrontation? Sport war immer auch politisch. Die DDR begriff es so und der Westen kritisierte das scharf. Auch das war politisch. Vielleicht heuchlerisch. War nun im Jahre 2017 (!) die Entscheidung gegen Gustav-Adolf Schur in der Hall of Fame auch wieder eine politische? Gewiss. Davon darf man ausgehen. Dieses Verhalten ist schoflig, wenn nicht gar schändlich zu nennen. Denn Täve als Sportler und Mensch war stets ein akzeptiertes Vorbild für viele Menschen. Und er ist es noch heute. Er wird nach wie vor hochgeachtet und oft geehrt. Sein Verhalten Sportsfreunden und selbst seinerzeit Rivalen auf der Rennstrecke gegenüber sowie auch im täglichen Leben ist bis heute von Kameradschaft und Mitmenschlichkeit geprägt.
Was wohl den Ausschlag für die abermalige Ablehnung von Täve Schur gab
Daran gab und gibt es nichts zu rütteln. Was aber wohl einigen in der Deutschen Sporthilfe und in der Jury der (HoF) nicht passte und sie offenbar partout nicht verknusen konnten oder wollte, war, dass Täve Schur nicht dazu bereit war, den DDR-Sport pauschal mit Schmutz zu bewerfen. Zuletzt in einem Interview mit dem neuen deutschland wollte er den DDR-Sport nicht als kriminell verteufelt wissen. Doping, meinte er, habe es auch im Westen – sogar mit Toten – gegeben. Das nd stellte Schur fragte:
„Die Dopingopferhilfe nennt Sie eine »zentrale Propagandafigur des kriminellen DDR-Sports«. Können Sie diese Sichtweise nachvollziehen?“
Täve Schur antwortete:
(lacht) „Das ist doch eine gezielte Provokation, muss ich sagen. Es steht für mich derzeit eher die große Frage, was wir denn noch vom Westdoping in Erfahrung bringen können. Was auf der Ostseite passiert ist, wissen wir. Was im Westen passiert ist, erfahren wir erst so langsam, jüngst zum Beispiel durch die Doktorarbeit eines Apothekers. Die deutsche Dopingvergangenheit muss insgesamt aufgeklärt werden, in Ost und West.“
Des Weiteren dürfte man Gustav-Adolf „Täve“ Schur immer noch übelnehmen, dass er als Abgeordneter in der DDR-Volkskammer und später für die PDS im Deutschen Bundestag gesessen hat.
Schändlich, wie bereits bemerkt, diesen bemerkenswerten Sportler nicht mit der Aufnahme in der Hall of Fame zu ehren. Manche Menschen können wohl nicht über ihren Schatten springen, weil sie glauben, den Kalten Krieg fortzuführen müssen. Ein Sepp Herberger, der einst NSDAP-Mitglied war, ist in der Hall of Fame verewigt. Das, nur nebenbei bemerkt. Ein Kommentator des MDR sieht die abermalige Nichtaufnahme von Täve Schur ebenfalls kritisch.
An der Beliebtheit von Täve Schur wird diese Entscheidung nichts ändern. Die Menschen wissen, was sie an der 86-jährigen Sportskanone haben.
In diesem Blog werden montags selbst verfasste Gedichte veröffentlicht und je nach Anlass Gedanken übers Zeitgeschehen festgehalten. Im Ganzen behandelt der Blog Ansichten und Eindrücke über Politik, Gesellschaft, Alltag, Liebe und (Pop-)Kultur. Respekt, Hoffnung, Nachdenklichkeit, Friedensfähigkeit und Menschlichkeit werden diesen Blog kennzeichnen.