Wim Wenders – „Revolutionär“ oder „Systemfilmer“? Ein Interview mit Prof. Albrecht Goeschel

Achtung aufgemerkt!; Foto: Tim Reckmann via Pixelio.de

Achtung aufgemerkt!; Foto: Tim Reckmann via Pixelio.de

Meinen Leserinnen und Lesern dürfte Prof. Albrecht Goeschel mittlerweile als scharfzüngiger Kritiker misslicher gesellschaftlicher Verhältnisse bekannt sein. Wussten Sie aber, dass er einst mit Filmemacher Wim Wenders zusammenarbeitete?

Im Jahre 1969 trug es sich zu, dass Albrecht Goeschel das Drehbuch zu einem Kurzfilm schrieb. Und da – wie er sich ausdrückt – noch jemand gebraucht habe, „der eine Kamera richtig rum halten kann“, war man auf einen gewissen Wilhelm Ernst Wenders gekommen. Den kennen Sie nicht? Doch bestimmt! Der „Kamerahalter“ Prof. Goeschels nannte sich nämlich später Wim Wenders. Dämmert’s? Der Film trägt den Titel „Polizeifilm“ (via arte.tv anschauen) und befasst sich vor dem Hintergrund der Studentendemonstrationen 1968 mit der damals berühmt-berüchtigten „Münchner Linie“ der der Polizei. Prof. Albrecht Goeschel verschmerzt es offenbar, dass Wim Wenders das Mitwirken seines Drehbuchschreibers anscheinend irgendwie „vergessen“ hat. Zum „Polizeifilm“ hier, hier und hier mehr.

Er kritisiert allerdings, dass sich Wenders heute quasi – die damalige Zeit betreffend – als „Revolutionär“ inszeniere. Der noch dazu polizeilich-juristischer Verfolgung ausgesetzt gewesen wäre – wofür Goeschel keine rechte Bestätigung habe finden können. Heute jedenfalls, meint Albrecht Goeschel, ist der „Wim“ ein „Systemfilmer“. Langweilig und irgendwie der Merkel ähnlich. Nun ist Wilhelm Ernst Wenders 70 Jahre alt. Im Folgenden ein Interview mit Prof. Albrecht Goeschel. Quasi als ordentlich gepfeffertes Geschenk an den früheren Filmkollegen. Gewohnt zieht er dabei ordentlich vom Leder, dass es nur so kracht. Da bleibt kein Auge trocken, wenn man liest, wie Goeschel einen cineastischen Begleitmusikanten“, wie er Wenders nennt – der gern auf gesellschaftlichen Stimmungen mit schwimmt – ein bisschen rupft. Viel Vergnügen:

Wim Wenders 70:

Filmer der Alternativlosigkeit –

Ein Epigone, der den Revolutionär machen möchte

Interview* mit Prof. Albrecht Goeschel**

Jede Zeit hat die Filmschaffenden, die von den herrschenden Verhältnissen ausgehalten werden. Bezahlt wie Veit Harlan oder ertragen wie Vittorio de Sica, Orson Welles, Ousmane Sembene, Akira Kurosawa u.a. Und dann gibt es natürlich das Heer der Epigonen. Als Epigone,

der sich peinlicher Weise nun auch noch als Revolutionär ausgibt, wird Wilhelm Ernst („Wim“) Wenders, gerade 70 geworden, von einem kritisiert, den zwar Wenders’ Werk eigentlich gar nicht interessiert, den jedoch die Ähnlichkeit von Wenders und Merkel fasziniert: Langeweile als Stilmittel und Langeweile als Herrschaftstechnik.

Nachfolgend ein Interview mit Professor Albrecht  Goeschel, Kunstakademiereformer, Urbanismusforscher, Regional- und Wirtschaftswissenschaftler – und zusammen mit Wilhelm Ernst („Wim“) Wenders Autor und Regisseur des „Polizeifilm“ (1968).

______________________________________________________________

Frage: Herr Professor, Sie wurden im Focus als „scharfzüngiger Kritiker der Politik“ bezeichnet und hatten dort in der Tat scharf mit der „Müttermaut“ der GroKo abgerechnet – Politische Ökonomie ist eigentlich Ihr aktuelles Metier. Wieso ist jetzt der Filmjubilar Wenders dran?

Antwort: „Weil er viel mit der Geisteshaltung und Gemütslage im deutschen Bildungs-Spießbürgertum zu tun hat.  Nicht nur die in Konformität abgestürzten sogenannten Qualitätsmedien, sondern auch der herrschende Kulturbetrieb mit seinem Narzissmus und seiner Mediokrität tragen bei zum deutschen Wohlfühl-Chauvinismus. Es ist nachgerade phänotypisch: Wenders summt mit beim Alibi-Lieblingschor: „Deine Stimme gegen Armut“.

Pseudokritische Attitüde und linksakademischer Diskurs einerseits und Pöbel-Blätter und Asylheimbrandstifter andererseits liefern dem Politischen System, je mehr sie sich gegenseitig eskalieren, ideale Kulissen und Attrappen für Inszenierungen, die mit den wirklichen Dingen nur wenig zu tun haben. Griechenlandtheater und Flüchtlingschaos: Die idealen Aufreger und die perfekte Ablenkung von der NATO-Konfrontation mit Russland. Immerhin: Die sogenannten Qualitätsmedien und die Gebührenkonzerne ARD und ZDF haben sich schon selbst demontiert –  jetzt ist halt der Kunst- und Kulturzirkus dran, der bisher das deutsche Bildungs-Milieu erfolgreich chloroformiert hat.“

Frage: Wie kommt da jetzt der Wim Wenders ins Spiel ? Ist das so schlimm, dass der jetzt 70 geworden ist ? Sie selbst sind doch auch Jahrgang 1945.

Antwort: „Na ja – ich gehe wenigstens irgendwelchen Ehrungen und Lobhudeleien aktiv aus dem Weg, will heißen: Bin in den verbrauchten Jahrzehnten so vielen auf die Zehen getreten, dass evtl. Gratulanten von sich aus lieber wegbleiben. Aber zurück zu Ihrer eigentlichen Frage, was der Wenders so Schlimmes im Kulturbetrieb treibt. Das Schlimme ist, dass er eigentlich gar nichts treibt. Für mein Empfinden und nach meiner Auffassung verbreitet Wilhelm Ernst Wim seit Jahrzehnten gähnende Langeweile, attitüdenhafte Depression.

Und Depressionen, besser: Depressive strotzen ja vor Heimtücke: Unfähig und unwillig overprotektive Eltern, autoritäre Chefs, miese Jobs und repressive Verhältnisse durch entschlossenes und bestimmtes „Anklopfen“  nicht mehr als Schicksal hinzunehmen, stochern sie ewig unzufrieden und übellaunig in allen möglichen Sinnangeboten herum und gehen ihrer Umwelt auf die Nerven. Natürlich finden solche Feuilleton-Gourmets letztlich gar nichts dabei, dass der europäische Süden ökonomisch zerstört ist, die Flüchtlingsleichen im Mittel-

meer schwimmen und es die Gefallenen in der Ukraine gibt und vor allem, dass zum Entzücken des „Amerikanischen Freundes“ O. im Weißen Haus die EU zerstört und die NATO gestärkt sind. Wichtig ist nur, dass weiter die Oberstudienratsbezüge aus dem Geld-Automaten kommen. Da darf dann das wunder-bare „Geschäftsmodell Deutschland“ schon ruhig ein bisschen mehr kosten – für andere. Wenn Sie wissen, was ich meine.“

Frage: O.K. – schon verstanden. Sie wollen also sagen, dass der Wenders „Ausweglosigkeit“ auf der Kinoleinwand so inszeniert, wie die Merkel „Alternativlosigkeit“ im Bundestag intoniert ?

Antwort: „Trefflicher hätte ich das nicht sagen können – danke, danke, danke. Natürlich ist der Wenders über die Jahrzehnte zum Systemfilmer einer Bundesrepublik geworden, die einen Angriffskrieg im Balkan und einen Angriffskrieg am Hindukusch geführt hat oder noch führt und

die tief in die Metzeleien in Nordafrika und Vorderasien verwickelt ist und die hinter Terror, Sanktionen und Militärmanövern in der Ukraine steckt.

Bauchredender Hausfrauen-Imperialismus in der deutschen Politik und  nichtssagende Literaten-Filme passen glänzend zusammen. Besonders  passt, dass der Wilhelm Ernst 2006, also während der ersten „Merkel-GroKo“ das „Große Bundesverdienstkreuz mit Stern“ umgehängt oder ausgehändigt bekommen hat. Da befindet er sich in einer Gesellschaft, die verräterischer nicht sein könnte.. Um ein paar Stars aus dieser Society zu nennen: Rainer  Brüderle, der FDP-Weinexperte, Joachim Gauck, der Hindenburg-Nachfolger und ganz schlimm David Petraeus, der  Ex-CIA-Chef und dann noch die Friede Springer vom BILD-Verlag“.

Frage: Na ja, ist ja alles sehr erhellend und lehrreich, aber doch dem Werk unseres Kritik-Kandidaten eher akzidentiell denn substantiell.

Können Sie nicht ein bisschen so irgendwas mit Kunst- oder Filmtheorie sagen? Sie haben doch jahrelang an der Kunstakademie München Vorlesungen gehalten?

Antwort: „Will es versuchen. Lesen Sie ein einziges Mal wenigstens dem Wenders seine Filmtitel und Filmbeschreibungen auf Wikipedia.

Am Stück. Alles irgendwie „Reminiszenz“, „Rückblick“, „Nabelschau“ und ein bisschen „Spiegelfechterei“. Gerne mal irgendwelche Buchschinken abgekurbelt oder umgekurbelt. Ganz schlimm zugerichtet:

Den phantastischen Dashiell Hammet, der  den brutalen amerikanischen Kapitalismus durch eine intelligent eingefädelte Gegenseitig-Metzelei von Streikbrecher- und sonstigen Gangstern hindurcherzählt (Rote Ernte) und noch andere Meisterwerke (Malteser Falke) geschrieben hat. Über

den längst verstorbenen und daher wehrlosen D. H. hat der Wenders jahrelang herum gedreht und herum  geschnipselt. Der Francis Ford Coppola, der den Wilhelm Ernst Wenders für diesen Film in die Vereinigten Staaten eingeladen hat, nannte das, was dann am Schluss vorlag, sinngemäß den schlechtesten Film, den er kenne – habe ich irgendwo im Netz gelesen. Um es mit einer Metapher zu sagen: Dem W. seine Filme schauen ist die gleiche Strafe, wie DIE ZEIT lesen müssen.“

Frage: Also das mit dem „Großverdienstkreuz“  für ihren Wilhelm Ernst hat Papa und Mama Wenders sicherlich richtig stolz gemacht. Sie aber nörgeln herum, dass denen ihr „Wim“ jetzt auch noch einen auf „Revolutionär“ macht. Was ist da Sache ?

Antwort: “Ja, der liebe Wilhelm Ernst hantiert in letzter Zeit bei allen möglichen Gelegenheiten verstärkt mit dem „Polizeifilm“ von 1968 herum, in dem er laut Wiki angeblich seine Erfahrungen mit den Münchner Polizeimethoden „verarbeitet“ hat. Auf einer afrikanischen Cineasten-Internetseite behauptet der Wim sogar, dass er wegen vermutlich heldenhaftem

Widerstand gegen die Staatsgewalt anlässlich der Dutschke-Attentat-Unruhen in München Ostern 1968 mehrere Monate Gefängnis (natürlich auf Bewährung) aufgebrummt bekommen habe. Also der Wenders als eine Art Münchner Lumumba. Ich habe  einige der damaligen APO – Straf- Strafverteidiger angefragt, ob und was an dieser Story dran ist. Vielleicht wollte sich der Wilhelm Ernst damit in Afrika  irgendwie interessanter machen. Aber: Keine Chance. Die Nigerianer und die Senegalesen machen so quietschkomische Streifen, da kann der W. mit seinem Oberstudienrats-Cinema gleich daheim bleiben.“

Frage: Ja ist denn der „Polizeifilm“ auch so langweilig? Den haben Sie doch zusammen mit dem Wilhelm Ernst gemacht?

Antwort: „I wo, der „Polizeifilm“ ist überhaupt nicht langweilig.

Darum hat ihn der Bayerische Rundfunk zwar produzieren lassen,

dann aber gleich in seinen Giftschrank gesperrt. In dem Film kommen etliche slapstickartige Originalspielszenen vor, der Rest sind Sequenzen aus polizeilichen Ausbildungs- und Einsatzfilmen, ziemlich militärähnlich, sowie Fernsehberichte über die damaligen Polizeieinsätze gegen Studentendemonstrationen. Zusätzlich sind reichlich komische Polizeiszenen einmontiert, die ich in meiner Sammlung von Donald-Duck-Heften aus den 1950ern gefunden hatte.

Grundlage für den Film waren, und das macht ihn eigentlich zum „politischen“ Film, richtig gründliche Analysen über die Wirkungsweise und die Entwicklung der Polizei in München im Unterschied zu Berlin, im westdeutschen kapitalistischen Staat und im bürgerlichen Staat überhaupt.“

Frage: Wow, soviel Aufwand für einen 12 – Minuten Kurzfilm?

Antwort: „Natürlich nicht. Der „Polizeifilm“ war eine Art Abfallprodukt aus dem Polizei-Projekt der Studiengruppe für Sozialforschung München (www.studiengruppe.com), die ein paar Leute mit politik- und sozialwissenschaftlichem Hintergrund schon vor 1968   mit Unterstützung

der damals in München ziemlich einflussreichen Kulturschickeria installiert hatten. Es war den Studiengruppe-Leuten klar, dass in einer so ekelhaften Wohlstandshauptstadt wie München den in Berlin und Frankfurt entwickelten Formen von Protestpolitik kein langes Leben

beschieden sein würde. In München war nachhaltige analytische Arbeit gefragt. Und da bot sich gleich eine gründliche politik- und sozialwissenschaftliche Analyse der Polizei in der Bundesrepublik und vor allem in der Vorbildstadt München an. München wurde so zum Geburtsort der Polizeisoziologie in (West)-Deutschland und es wurde ganz schön viel publiziert. Davon hat die Redaktion eines neuen Jugendmagazin beim Bayerischen Fernsehen Wind bekommen und wollte einen Film über die damals berühmt-berüchtigte „Münchner Linie“ der Polizei.

Die Studiengruppe-Leute haben mich dann als den Oberpolizeiforscher für das Vorhaben abkommandiert. Natürlich haben wir noch jemand gebraucht, der eine Kamera richtig rum halten kann – und so ist der Wilhelm Ernst zu seinem Auftritt gekommen. Über die mehr oder minder unpolitischen Leute an der gerade neu gegründeten

Hochschule für Film und Fernsehen hat man ansonsten an den politischen Zentren wie etwa der Kunstakademie  nur gelacht“.

Frage: Wenn man auf die Presse-Seite der „Wim-Wenders-Stiftung“ geht, tut die Stiftung aber so, als habe der Wilhelm Ernst den Polizeifilm eigentlich ganz alleine gemacht. Und die verhökern die Abspiellizenzen ja wohl auch, wie es gerade passt. Was sagen Sie jetzt dazu, lieber Herr Professor Goeschel ?

Antwort: „In normalen Zeit wäre mir das wurscht. Ich habe wichtigeres zu tun, als  irgendwelchen Leuten, die laut Wikipedia schon mehrfach mit dem Urheber- und Verwertungsrecht etwas lax umgegangen sind, hinter  her zuschnüffeln. Aber diese „GroKoverdienstkreuznummer“

und dann das mögliche für dumm Verkaufen der Cineasten in Afrika

und vor allem die Seelenverwandtschaft in Sachen Langeweile  zwischen

dem Wenders und der Merkel rufen  nach dem, was der Jurist „Generalprävention“ nennt: So etwas darf man nicht weiter einreißen lassen. Drauf gekommen bin ich dem „Wim“ über die zu seinem Jubiläum veranstalteten Lobhudeleien im Oberstudienrats-Sender arte-tv: Dumm gelaufen.“

Danke für das Gespräch !

*Das Interview führte eine Autorengemeinschaft

der Accademia ed Istituto per la Ricerca Sociale

Verona

Das vollständige Interview liegt in der Verantwortung

von Prof. Albrecht Goeschel i.S.d. Pressegesetzes

mail@prof-goeschel.com

**Prof. (Gast) Albrecht Goeschel

Staatliche Universität Rostov

Präsidiumsmitglied

Accademia ed Istituto per la Ricerca Sociale

Verona

tagesthemen: Wenn der Lügensender ARD den Krieg in Syrien „erklären“ will

Lesetipp!

Avatar von DokDie Propagandaschau

ard_logoLügen und Desinformation der transatlantisch kontrollierten Pro­pa­gan­da­anstalten ARD und ZDF über den Krieg in Syrien sind von einem Ausmaß, das sich einer umfassenden Beschreibung nahezu entzieht.

Wie in jedem vom Westen forcierten Krieg und Konflikt, werden die wahren Hintergründe weitestgehend verschwiegen und verzerrt. Gewalt – sowohl durch Oppositionelle, wie auch durch das eigene Militär – wird gerechtfertigt und als legitimes Mittel gefordert und gefördert, um eigene Interessen durchzusetzen. Relevante Informationen, die die eigene Doppelmoral, Lügen und Propaganda entlarven, werden systematisch unterdrückt.

So haben ARD und ZDF von Beginn an die Gewalt durch syrische Oppositionelle auf Demonstrationen verschwiegen oder verharmlost. Während in Berlin geistig verwirrte Menschen, die mit einem Messerchen rumfuchteln, obwohl – oder gerade weil – sie bereits von der Polizei umstellt sind, rücksichtslos zusammengeschossen werden, verschweigt, verharmlost oder rechtfertigt man in den öffentlich-rechtlichen Propagandaanstalten, wenn auf dem Maidan in Kiew oder im syrischen Daraa, sogenannte „Oppositionelle“ auf Demonstrationen…

Ursprünglichen Post anzeigen 1.918 weitere Wörter

Ray McGovern in Berlin – Wie werden heute Kriege “gemacht”? Mit Lügen, Lügen und Lügen!

Dank an Hans Springstein für den Bericht. Ich reblogge diesen hier gern. Eigentlich wollte ich morgen von der Veranstaltung in Köln berichten, bin jedoch verhindert.

Avatar von DokDie Propagandaschau

Hans Springstein war in Berlinmcgovern_event beim Vortragsabend mit Elizabeth Murray und Ray McGovern. Die beiden ehemaligen CIA-Analysten engagieren sich nach den Lügen zur Vorbereitung des völkerrechtswidrigen Krie­ges der USA gegen den Irak für die Frie­dens­bewegung.

Wie werden heute Kriege “gemacht”? Zwei ehemalige CIA-Analysten beurteilen die Politik „des Westens“ in der Ukraine und im Mittleren Osten
Vortrag / Vorlesung

Kriegslügen und Präsidentenangst (Teil 1)

Zwei ehemalige hochrangige CIA-Mitarbeiter stellten sich am 16. September 2015 in der Berlin der Frage: „Wie werden heute Kriege gemacht?“ – Erster Teil des Berichtes

Die Antwort sei einfach, so Ray McGovern, früherer Chefanalytiker der CIA für die UdSSR und Russland, im übervollen „Sprechsaal“ in Berlin: „Mit Lügen, Lügen und Lügen.“ Angesichts der aktuellen Situation könne die Frage auch heißen: „Wie werden Flüchtlinge gemacht?“ McGovern war gemeinsam mit Elizabeth Murray, ehemalige CIA-Analytikerin u.a. für den Irak, von verschiedenen Organisationen nach Deutschland eingeladen worden. Berlin war eine…

Ursprünglichen Post anzeigen 121 weitere Wörter

Dortmund: Talk to heaven – Hat der Mensch ein Recht auf aktive Sterbehilfe?

Sprachen am Sonntag in der Dortmunder Pauluskirche über Sterbehilfe (von links nach rechts) Dr. Christa Rogge, Pastor Friedrich Laker, Anja Rogge (Moderation) und Prof. Dr. Franco Rest; Fotos (2): C.-D. Stille

Sprachen am Sonntag in der Dortmunder Pauluskirche über Sterbehilfe (von links nach rechts) Dr. Christa Rogge, Pastor Friedrich Laker, Anja Rogge (Moderation) und Prof. Dr. Franco Rest; Fotos (2): C.-D. Stille

Sterben müssen wir alle mal. Doch darüber reden tun die wenigsten von uns. Den Tod schiebt man so weit wie möglich von sich. Das ist menschlich. Und verständlich. Denn der Tod macht den Menschen Angst. Noch mehr fürchten wir nur ein langes, schmerzvolles Dahinsiechen. Menschen die eine schwere und unheilbare Krankheit haben, denken schon mal über eine Selbsttötung nach. Rund um dieses Thema bewegte sich vergangenen Sonntag ein Gottesdienst der ungewöhnlichen Art in der Dortmunder Pauluskirche. Das in der Nordstadt liegende Gotteshaus gehört zur evangelischen Lydia-Gemeinde. Das Thema lautete: „Hat der Mensch ein Recht auf aktive Sterbehilfe?“

Food For Soul begleitete denn Gottesdienst musikalisch einfühlsam

Musikalisch begleiteten "Food for Soul" den Gottesdienst.

Musikalisch begleiteten „Food for Soul“ den Gottesdienst.

Musikalisch einfühlsam begleitete die Band FOOD FOR SOUL die Besucherinnen und Besucher des Gottesdienstes. Über 300 Auftritte in den letzten 8 Jahren hat „Food For Soul“ absolviert. Im Ruhrgebiet, dem Sauer- und dem Münsterland hat sich das Trio einen Namen gemacht. Am Sonntag waren sie nur als Duo präsent.

Von 1005 im Auftrag einer Krankenkasse Befragten möchten 70 Prozent die Möglichkeit haben sich  bei einer schweren Erkrankung sich selbst zu töten

Im Deutschen Bundestag stehen mehrere Gesetzesentwürfe zur Sterbehilfe zur Entscheidung an. Im November werden die Bundestagsabgeordneten darüber abstimmen. Aus einer repräsentativen Forsa-Umfrage, die von der Krankenkasse DAK-Gesundheit in Auftrag gegeben wurde, geht hervor: 70 Prozent der 1005 Befragten wollen bei einer schweren Erkrankung die Möglichkeit haben, etwa auf ärztliche Hilfe bei der Selbsttötung zurückzugreifen. 22 Prozent der Befragten lehnen dies für sich ab.

Realitätsnahes, berührendes Szenenspiel

„Talk to heaven, der garantiert andere Gottesdienst“ hat ein  brisantes  Thema aufgegriffen und in die Dortmunder Pauluskirche getragen. Zunächst wurde eine Szenenspiel aufgeführt. Es handelte von einer Frau „in den besten Jahren“. Vom Arzt erhält sie die schlimme Information: Sie muss bald sterben. Die Lunge ist voller Metastasen. Der behandelnde Arzt überweist die Frau an eine Kollegin, eine Palliativmedizinerin. Die Frau sieht zunächst nicht ein, dass sie das Sterben hinauszögern soll. Schließlich stimmt sie der Behandlung zu. Sie ist am Boden zerstört. Soll die schöne Zeit mit dem geliebten Ehemann nun bald zu Ende sein? Auch der Ehemann ist erschüttert. Als die Medizin immer weniger gegen die Schmerzen hilft, verabreicht die Palliativmedizinerin in Absprache und mit dem Ehemann der Patientin schließlich stärkere Medikamente. So dämmert die Frau letztlich in den Tod. Realitätsnah und berührend dargestellt.

Zwei kompetente Fachleute sprachen zur Thematik

Auf dem Podium hatten zwei kompetente Spezialisten Platz genommen. Es waren dies die Anästhesistin und Sterbebegleiterin Dr. Christa Rogge und einer der Mitbegründer der deutschen Hospiz-Bewegung, Dr. Franco Rest, sowie der evangelische Pfarrer Friedrich Laker. Moderiert wurde der Talk von Anja Rogge.

Ein trauriges Thema. Ja. Doch wie es eingangs des Gottesdienstes geheißen hattte: „Ohne Tränen hätte die Seele keinen Regenbogen.“

Wie zum Tode gelangen?

Zunächst verschaffte Dr. Franco Rest dem Publikum einen Überblick. Unterschieden, so Dr. Rest, würden verschiedene Formen um aus dem Leben zu scheiden. Zunächst die sogenannte aktive Sterbehilfe. Die sei gewissermaßen ein „Heilbehandlung durch Tötung“. Einen Menschen, den man sonst nicht mehr heilen kann, verspricht man „Du hast keine Schmerzen mehr, du hast keine Atemnot mehr, wenn du tot bist.“ In Deutschland ist das strafbar. In den Beneluxstaaten nicht. Die verbleibenden anderen Formen, erklärte, Franco Rest, gelten als durchaus erlaubt. Oder sogar gefordert für die Handlung der Ärzte sowie der Angehörigen. Dies sei dann indirekte Sterbehilfe zu nennen: „Das Sterbenlassen, das nicht mehr hindern eines Sterbens.“ Dann nannte er die assistierte Selbsttötung. Sowie sprach über die indirekte Sterbehilfe. Eine Medikamentengabe, die man möglicherweise bedarfsmäßig erhöhen muss. Der Mensch sterbe dann etwas schneller als er sterbe würde ohne diese Medikamente.

Entscheidung im November

Im November im Bundestag geht es um die Hilfe zur Selbsttötung unter Hilfe eines anderen. Angehörigen.Wenn ein Mensch einen anderen Mensch hilft, was er darf – und jeder darf sich selber töten – dann kann der derjenige, der Beistand leistet nicht bestraft werden. Infolgedessen ist die assistierte Selbsttötung nicht nur straffrei, sondern vielleicht sogar in gewissen Situationen etwas, das man in einer Partnerschaft oder Freundschaftsbeziehung tatsächlich erwartet: Dass der andere mir hilft, diesen Schritt den ich tun möchte auch wirklich zu gehen. Ein kleines Problemen stellten allerdings die Ärzte dar. Wenn die eine Assistenz in diesem Zusammenhang leisteten, dann setzten sie ihren Beruf aufs Spiel. Denn der Arzt ist ein Helfer und hat immer die Garantie für das höhere Gut zu gewähren, also für die Erhaltung des Lebens zu sorgen: Garantenpflicht. Also dürfe man in Deutschland von einem Arzt nicht erwarten, dass er ein tödliches Medikament verabreiche. Die Grenzen zwischen den erwähnten Möglichkeiten seien zum Teil fließend, gab Dr. Rest zu bedenken.

In der Spielszene sei es darum gegangen, mit dem Einverständnis der Angehörigen ein Medikament zu geben, dass eben die Nebenwirkung hat, dass jemand früher stirbt. Der Zweck sei allerdings die Schmerzfreiheit, die Bewältigung der Atemnot. Das Ziel sei nicht der Tod.

Dr. Christa Rogge: „Mit der Zeit gibt es eine gewisse Akzeptanz.“

Dr. Christa Rogge wusste aus der Praxis heraus zu bestätigen, dass es sich häufig so zutrage, wie in der Spielszene dargestellt. Die Patienten würden von der Diagnose überrascht werden. Und spürten dann: Warum gerade ich? Mancher empfinde gar Krankheit und Tod als Strafe. Dr. Rogge: „Wenn man dem Patienten die Angst vor den Schmerzen und vor der Würdelosigkeit wegnimmt, dann haben sie die Möglichkeit, sich allmählich damit abzufinden, sich damit auseinander zu setzen und werden allmählich ruhiger.“ Sehr häufig in der letzten Phase sei bei ihnen dann eine Art Desinteresse an dem hiesigen Leben zu konstatieren. „Man löst sich innerlich. Es läuft nicht geradlinig“, sondern der Prozess beinhalte Höhen und Tiefen. „Mit der Zeit gibt es eine gewisse Akzeptanz.“

Austherapiert – ein gruslig Wort

Die Moderatorin spricht an, was wohl häufig in der Praxis geschieht: Der Arzt sagt wie im Szenenspiel: „Für Sie gibt es keine Therapie mehr.“ Oder gar: „Sie sind austherapiert.“ Was ein „hartes Wort und gruselig“ sei. „Was heißt das denn?“, fragt Anja Rogge.

Dr. Christa Rogge daraufhin: „Ich hoffe, dass immer weniger Kollegen dieses Wort in Zukunft benutzen werden. Es ist einfach so, dass auch viele Kollegen darauf geeicht sind zu heilen. Statt eine palliative Behandlung durchzuführen.“ Sie erklärte: Das komme von Pallion – der Mantel. Bedeute also eine umhüllende, umsorgende Therapie. Um die letzte Strecke des Lebens trotz der tödlich verlaufenden Krankheit so lebenswert zu machen wie eben mölgich.

Was aber nun, warf die Moderatorin ein, wenn Patienten aber eben „Schluss machen“ wollten? Patienten „Wie reagiert da?“

Natürlich käme das vor, weiß die Anästhesistin Die Leute sagten dann, „Ich habe mir so und soviel Medikamente besorgt. Damit ich mich umbringen kann.“ Man wisse als Mediziner, dass man die dazu Entschlossenen nicht daran hindern kann sich umzubringen. Jedoch könne zunächst einmal vielleicht ein Versuch gemacht werten, um zu schauen, ob es nicht auch anders gehe. „Ob man nicht erst mal sehen kann ob man durch Schmerzmedikation die Phase erträglich macht, dass man die letzte Phase eben doch dazu nutzen kann in Ruhe noch einmal Zeit mit Angehörigen zu verbringen. Und eventuell noch Sachen zu regeln die man gerne geregelt haben möchte.“

In der Palliativmedizin, erfahren die Gottesdienstbesucher, sei das Gespräch eines der wichtigsten Mittel. Weil tausend Fragen kommen und Zuwendung wichtig ist.

Dr. Rest: „Wir können lindern“

Dr. Franco  Rest nahm noch einmal den Gesprächsfaden auf. Es ginge in zwei Richtungen bei den Patienten. Entweder in die Richtung „dass sie getötet werden möchten von jemand anders oder, dass sie sich selber töten möchten. Dahinter verberge sich nicht der Wunsch anschließend tot zu sein. Sondern eben nicht mehr so leben zu müssen, wie es einen die Krankheit aufzwinge. Da spielten besondere Ängste der Menschen eine Rolle. „Die erste große Angst ist die Angst vor Schmerzen und vor Atemnot.“ Da sage die Hospiz-Bewegung: „Wir können lindern.“

Wo ist jetzt die Persönlichkeit?“

Die zweite Angst sei die vor dem Verlust der Persönlichkeit und der Selbstbestimmung. Dr. Rests eigne Ehefrau ist an

Parkinson erkrankt und hat die Sprache verloren. „Wo ist jetzt die Persönlichkeit?“ fragte der Arzt, Sozialethiker, Dichter und Philosoph ins Kirchenschiff hinein, wo er seine Gattin von einer Person seines Vertrauens gut betreut weiß. „Wie kann der Patient sich selber noch verteidigen gegen die Krankheit aber auch gegen möglicherweise falsches Handeln des Ehemanns oder der sonstigen Umgebung?

Die Hospiz-Bewegung bemühe sich durch Einfühlung und intensiven Umgang mit dem Menschen. Um ein Durchhalten 24 Stunden am Tag und jede Woche sicherzustellen. „Und zwar so, dass die Persönlichkeit nicht verschwindet oder verkümmert.“

Wiederum andere Menschen wollten anderen nicht zur Last fallen. Die Belasteten entlasten. Familie, Ehepartner und sogar die Ärzte und Schwestern, denen sie meinten schlimme Plagen zuzumuten.

Dr. Franco Rest sprach an dieser Stelle von der „theologische Seite“.

„Es gibt eine Angst der Menschen, die allerdings nicht zum schnelleren Sterben führt, sondern dem Wunsch das Ganze noch hinauszuzögern. Weil man nämlich meint, man müsse noch eine Schuld abarbeiten. Manchmal geht Theologie falsch darauf ein. Hölle und Fegefeuer gibt es nach meinem Dafürhalten eben nicht“, so der Arzt.

Die Moderatorin hakt sich ein: „Was wenn das Leid zu groß ist? Man sich selber nicht mehr ertragen kann?“ Wenn ein Gesichtstumor etwa mit offenen Wunden dazu führt, sich selber nicht mehr im Spiegel ertragen zu können.

Dr. Rest sagte, er habe so etwas erlebt. Doch seien es letztlich wenige Menschen die nicht mehr durch Palliativmedizin erreicht werden könnten. Auf die Frage der Gesprächsleiterin spricht er die grundsätzliche Angst dieser Betroffenen vor dem Alleinsein an. „Erst recht wenn eine stinkende Wunde da ist. Ein offen gebrochener Tumor wo der Körper sich bereits zersetzt.“ Auch da gelte es zu erreichen, dass die Menschen um diese Patienten dableiben und nicht loslassen. „Dass sie aushalten, durchhalten: standhalten. Die deutsche Sprache habe da ein wunderbares Wort: Beistand. Heilen dagegen sei weniger passend, weil es sprachverwandt mit Hehlen sei. Es gehe auch um Begleitung. Aber man sollte wissen wann bei der Begleitung loszulassen ist. „Denn da geht ja keiner mit in den Tod. Die begleitet haben bleiben zurück. „Wir führen den Menschen nur bis zu diesem Scheideweg.“

Stille kann sehr laut sein

Noch einmal kam Dr. Rest auf seine Frau zu sprechen. Beide seien darauf angewiesen einander anzuschauen. „Die intensivste Kommunikation zwischen Menschen spielt sich in der Mimik ab und über die Haut. Unsere Haut ist eines der wichtigsten Kommunikationsmittel die wir haben.“ Er stelle das immer wieder bei seiner Frau fest. Egal ob er sie einreibe oder nur deren Hand halte. Nie vergessen habe er eine Patientin, die zuschlug, wenn man ihr Hand geben wollte. Eines Tages, erzählt Franco Rest, habe er eine junge Schülerin gebeten am Bett dieser Frau zu wachen. Die schlief nach Stunden des Dasitzens ein. Dabei fiel ihr die Hand in das Bett der Patientin. „Da passierte etwas womit niemand gerechnet hatte Die Patientin griff die Hand der Schülerin und hielt jetzt ihre Hand fest, wollte nicht gehalten werden, sondern halten.“

„Man lernt zum Beispiel“, fiel Rest am Beispiel seiner sprachlosen Partnerin ein, „dass Stille sehr laut sein kann. Früher habe ich das nicht geahnt. Stille kann klopfen, kann schreien, kann wüten Diese Stille zu lernen, diese Stille zu hören, diese Stille wahrzunehmen – ein ganz wichtiger Weg in extremen Situationen.“

Wo ist denn Gott denn?

Nun war der Theologe, der Pfarrer Friedrich Laker angesprochen. Was sage man als solcher auf die Fragen: „Warum ich? Wo ist Gott denn in der Situation?“

Darauf der evangelische Pfarrer. Er pflege dann die Menschen immer zu fragen: „Wo ist Gott denn jetzt für dich?“ Da Erlebe man manchmal nach einem kleinen Nachdenken überraschende oder nicht so überraschende Antworten. Antworten die naheliegend sind. Nämlich: „Ich erlebe Gott in der Natur. Ich erlebe Gott wenn ich Musik höre, die ich nun ganz anders höre als vorher.“

Am Anfang und am Ende des Lebens habe es so berührende Augenblicke. „Wo die Ewigkeit fast zu greifen ist. Freilich entschwindet sie wieder. Es ist wie der Himmel auf Erden. Sterbende sagten ihm nicht selten: „Mein Angehörige,r der jetzt mir beisteht dem bin ich so dankbar, er ist wirklich wie ein Engel. Ein Engel Gottes auf Erden. Und letztendlich gebe ich eine Kraft die ungemein stark ist. Die aber oft erst erkennbar ist, erkennbar wächst, wenn man sich auf den Sterbeprozess einlässt. Kraft der Hoffnung wider alles Leid, allen Schmerzes. Ein Trotz . Wenn ich an einen Gott glaube der abseits des Lebens sitzt. Ein Gott der irgendwann mal die Schöpfung entworfen hat und sich auf den Tod zurückzieht und beobachtet und eben eingreift oder nicht eingreift, der belohnt, der straft der eben den Himmel und die Hölle vorhält. Dieser Gott verbietet.“ Aber das sei ein Gott, der einen ein Stück weit beigebracht würde“ ist sich Friedrich Laker sicher. „Da hat unsere christliche Kultur, unsere christliche Theologie viel Schuld auf sich geladen. Indem man eben von diesem „Herrschergott“ gesprochen hat. Mitten im Leben, mitten im Sterben fände sich Trost. Nicht auf irgendeinem Thron. Plötzlich tröstet einen der Vogel, der draußen im Baum zwitschert. Die Blume die wunderschön blüht. Die schenkt Trost, nicht der Herrschergott, der angeblich da oben sitzt.

Pfarrer Friedrich Laker will Mut machen

Was wolle der Pfarrer den Leuten an diesem Sonntag mit auf den Weg geben? Vor allem möchte er allen Mut machen, sagte er voller Überzeugung, dass, was so die Erfahrungen zeigten, von uns allen gerade in den Schwachen die Kraft liege. Gerade in dem wovor wir erst mal Angst haben. Natürlich gehöre zum Leben ist ein Schutz. Jedes Individuum kämpft ums Überleben. Das Spannende und Entscheidende sei, wenn man sich drauf einlässt auf diesen Prozess des Sterbens – manchmal auch Zeit brauchte. Er plädiert: „Lasst euch Zeit, wenn es möglich ist!“ Dann könne man eine ungeheure Kraft entdecken. Im Sterbenden selber. Und bei den Angehörigen im Gemeinsamsein. Dem gegenseitigen Beistand. Auch der Sterbende gebe den Angehörigen Kraft. Vertrauen zu haben gegen die Angst, die natürlicherweise da sei. So werde auch die Erkenntnis wachsen, was richtig ist: „Das kann die Selbsttötung sein in gewissen Ausnahmefällen. Es könne auch sein, sich Zeit gegenseitig schenken zu lassen, um Abschied zu nehmen. Damit helfe man auch dem Sterbenden ins Reine zu kommen. Moderatorin sprach die passende Bibelstelle „Die Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ an. Eine schönes Schlusswort von Friedich Laker: Letztendlich ist das eben die Kraft der Liebe Gottes, die unter uns gegenwärtig ist.“

Fazit

„Talk to heaven“ hatte einen „garantiert anderen Gottesdienst“ versprochen. Die Kirchenbesucherinnen und Besucher haben ihn bekommen. Über den Tod sprechen wir ungern. Lieber verdrängen wir. Das ist verständlich. In der Dortmunder Pauluskirche war er letzten Sonntag ins Zentrum des Interesses gerückt. Worden. Und darüber hinaus die Frage gestellt „Hat der Mensch ein Recht auf aktive Sterbehilfe?“ Die schlussendliche Beantwortung dieser Frage ist nicht einfach. Aber, dass darüber gesprochen wurde, dürfte am Sonntag in der Pauluskirche  einhellig begrüßt worden sein. Das Thema anzupacken war nicht nur mutig, sondern auch nötig.

Prof. Albrecht Goeschel sieht interessante Verbindungslinien zwischen EDEKA und dem Geschäftsmodell Deutschland

Alles super (beim) Edeka-Markt?; Foto: Jürgen Jotzo via Pixelio.de

Alles super (beim) Edeka-Markt?; Foto: Jürgen Jotzo via Pixelio.de

Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel ist mittlerweile alles andere als das „Sturmgeschütz der Demokratie“ von einst. Sondern vielmehr ein Verstärkungsorgan des neoliberaler Ideologie. Doch manchmal hat selbst Der Spiegel offenbar lichte Momente. So schreibt er etwa:

„Edeka inszeniert sich als harmloser Zusammenschluss kleiner Kaufleute. Dabei leiden Lieferanten und Mitarbeiter unter Deutschlands größtem Lebensmittelhändler“.

Prof. Albrecht (Staatliche Universität Rostow, Akademie und Institut für Sozialforschung Verona), der – wie meinen Leserinnen und Lesern bekannt – ansonsten mit scharfer Kritik nicht hinterm Berge hält, sah sich betreffs der aus dem  Hamburger Nachrichtenmagazin zitierten Passage zu Edeka sogar zu einem Lob veranlasst: „Das schreibt verdienstvoll Der Spiegel.“

Goeschel hat tiefer gelotet und Kritikpunkte herausgearbeitet:

„Mit dem Versuch, nun auch noch die Tengelmann-Filialen zu kapern und den damit drohenden weiteren Arbeitsverschlechterungen im Lebensmitteleinzelhandel scheint jetzt die ‚Stimmung zu kippen‘. Fast wie beim bewunderten ‚Geschäftsmodell Deutschland‘. Dieses hat sich in den letzten Wochen mit der Griechenland-Erpressung als Angreifer und Zerstörer eines nachbarlichen Europa selbst entlarvt und Griechenland nicht nur in eine Filiale, sondern in ein Protektorat verwandelt. Gibt es noch weitere Ähnlichkeiten oder Zusammenhänge zwischen EDEKA-Gruppe und GroKo-Deutschland?“

Von der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di beauftragt, hat die Akademie und Institut für Sozialforschung bereits im Februar 2015 ein paar interessante Verbindungslinien zwischen EDEKA und dem Geschäftsmodell Deutschland skizziert

“Die kritische Ökonomie in Deutschland leidet an einer Reihe blinder Flecken, die ihren Beitrag zur ökonomischen Alphabetisierung der Öffentlichkeit erheblich beeinträchtigen. Einer dieser blinden Flecken ist der Wirtschaftsbereich Handel, insbesondere Einzelhandel. Handel und Einzelhandel werden entweder moralisierend im Zusammenhang von Wachstums- und Konsumkritik oder generalisierend im Zusammenhang von Wirtschaftsbegutachtungskritik erörtert. Lediglich die sich wiederholenden Untersuchungen zur Dynamik und zum Niveau der Arbeitskosten etwa im Verarbeitenden Gewerbe einerseits und in den Gewerblichen Dienstleistungen andererseits und der hier bestehenden Wechselwirkungen bieten Anstöße zu einer anspruchsvolleren ökonomischen und politischen Modellierung von Handel und Einzelhandel im Rahmen von Gesamtwirtschaft und Wirtschaftssystem. Die vom Fachbereich Handel des ver.di – Bezirk Nordhessen Mitte Februar 2015 für Betriebsrätinnen und Betriebsräte der EDEKA-Unternehmensgruppe veranstaltete Konferenz in Melsungen bietet hier die Gelegenheit, am Beispiel des größten Unternehmens des Lebensmittel-Einzelhandels und größten privaten Arbeitgebers in Deutschland eine mehrdimensionale Sichtweise des Einzelhandelsbereiches exemplarisch vorzulegen. Nachfolgend sollen vier Dimensionen der EDEKA-Unternehmensgruppe angesprochen werden: Die EU- und EUR-Entwicklung; die Exportökonomie Deutschland; das Lohn-, Beschäftigungs- und Sozialmodell Deutschland und die Risiken der EUR-Krisenpolitik und des Freihandelsabkommens TTIP.”

Ich empfehle den hier nur kurz angerissenen Text von Prof. Goeschel in voller Länge ausdrücklich: Text des Vortrags und Tischvorlage von Prof. AlbrechtGoeschel  (Staatliche Universität Rostov, Akademie und Institut für Sozialforschung Verona). Er gibt den Vortrag Prof. Albrecht Goeschels wieder, welcher bei der Betriebsrätekonferenz der EDEKA – Hessenring in Melsungen am 11. Februar 2015 gehalten wurde.

Leider wird die von Albrecht Goeschel erkannte Problematik von den großen Medien kaum transportiert, beziehungsweise das Thema von anderen aktuellen Nachrichten überschattet. Mehr Beschäftigung damit täte not: Denn  so harmlos „normal“ wie uns EDEKA  scheint, ist die Firma bei näherer Betrachtung offenbar nicht.

Roma Kulturfestival DJELEM DJELEM extraordinär beendet: THE „Queen of gypsies“ rockte mit Mostar Sevdah Reunion das Dortmunder Konzerthaus

"Rockte" das Konzerthaus Dortmund: Esma Redzepova; Alle Fotos: C.-D. Stille

„Rockte“ das Konzerthaus Dortmund: Esma Redzepova; Alle Fotos: C.-D. Stille

Gestern Abend fand im Konzerthaus der Stadt das zweite Roma-Kulturfestival DJELEM DJELEM in Dortmund mit einer überaus eindrucksvollen, unvergesslichen Show seinen Abschluss. Zehn Tage hatten an unterschiedlichen Orten der Stadt Dortmund interessante Veranstaltungen stattgefunden. Für einen krönenden Abschluss sorgte nun am gestrigen Sonnabend die Balkan-Musik-Band Mostar Sevdah Reunion zusammen mit der als „THE Queen of gypsies“ auf dem gesamten Balkan und darüber hinaus hochverehrten mazedonischen Sängerin Esma Redzepova.

Dank an die Organisatoren des Festivals und für die hohe Willkommenskultur der Dortmunder Bevölkerung

Zuvor hatte sich Stadtdirektor Jörg Stüdemann bei allen bedankt, die vor und hinter den Kulissen zum Gelingen des Festivals beitrugen. Die AWO-Vorsitzende und Landtagsabgeordnete Gerda Kieninger lobte ergänzend und ausdrücklich die hohe Hilfsbereitschaft der Dortmunder Bevölkerung, die in den vergangenen Tagen gegenüber den in der Stadt angekommenen Flüchtlingen bewiesen und weiter beweisen, was gelebte Willkommenskultur ist. Eine kurze Ansprache ans Publikum hielt auch der erste Roma in der Geschichte der Türkei, der als Abgeordneter  in die Türkische Nationalversammlung gewählt wurde, Özcan Purçu (CHP).

Eine nette Geste der Veranstalter: An Zuwanderer aus der Dortmunder Nordstadt waren Freikarten ausgereicht worden. Unter ihnen befanden sich auch Kinder. Sie dürften das erste Mal einen Musentempel betreten haben. Auch das ein Zeichen von Willkommenskultur. Jörg Stüdemann erwähnte noch einmal, dass man sich bemühe, ein Haus der Roma-Kultur für Nordrhein-Westfalen ins Werk zu setzen.

Als der Schleier fiel und die Stimme der Rezepova erklang, war es ums Publikum geschehen

Es dauerte nicht lange bis die Musiker der Mostar Sevdah Reunion die Herzen des Publikums gewonnen hatten. Kein Wunder: Im Konzertsaal befanden sich zahlreiche Menschen mit Wurzeln im zerbrochenen Jugoslawien. Indes wurden neben ihnen auch alle anderen Besucherinnen und Besucher von den Balkan-Rhythmen mitgerissen.

Erst recht, als die „Queen“ Esma Redzepova (72) auftrat. Als sie in der Mitte der Bühne angekommen war, einen Schleier vom Gesicht zog und zu singen begann, war es ums Publikum geschehen. Da kochte der Pott, respektive das Konzerthaus. Die Temperatur im Saale stieg gefühlt um einige Grade an. Gänsehautfeeling. Das bringt nur die „THE Queen of gypsies“ fertig – oder versteige ich mich, wenn ich sie eine Göttin nenne? Good vibrations!  Die Menschen wippten mit den Füßen, schwangen die Arme. Und schon bald gab es kein Halten mehr: das Gros der Besucher sprang aus den Stühlen. Junge und Alte sammelten sich vor der Bühne, vor „ihrer“ Queen und tanzten. Das musste man erlebt haben. Wer spätestens da noch kein „Balkanizer“ war, der wurde zu einem oder einer „Balkanizerin“ – das walte Hugo! Man meinte, das Dortmunder Konzerthaus könnte jeden Moment abheben. Welch Ausstrahlung hat die Rezepova! Unglaublich. Aber wahr! Junge Mädchen tanzte neben und mit der Queen. Die Rezepova ließ die Hüften kreisen. Reifere Frauen verwandelten sich in ihrer Anwesenheit gewissermaßen wieder in junge Mädchen. Die meisten von ihnen dürften von Kindheit an mit den Liedern der Rezepova aufgewachsen  sein. Alt und jung, Frauen und Männer, verehren diese Sängerin hoch. Mir schien, da stand ein Teil des geschleiften Jugoslawien im Publikum  wieder auf. Der Auftritt dieser außergewöhnlichen Künstlerin und die Reaktionen der Menschen im Saal auf deren Darbietung vermittelten beinahe den Eindruck, diese Grand Dame der Balkan-Musik könne selbst Lahme wieder Laufen machen. Natürlich bot sie auch DJELEM DJELEM dar, die inoffizielle Hymne der Roma. Die Rezepova ließ eine unglaublich warme Aura um sich entstehen. Dazu die grandiosen Musiker der Mostar Sevdah Reunion – kurzum: Ein Ereignis der Sonderklasse, dieser Abend!  Extraordinär. Es machte Dortmund für einen Abend zur Balkan-Hauptstadt.

Im Folgenden ein paar Schnappschüsse von dieser großartigen Show

20150912_211658 (1)

20150912_212020

20150912_213000 (1)

20150912_213459

20150912_213912

20150912_213919

 

Roma Kulturfestival Dortmund „Djelem Djelem“: Im Dialog mit türkischen Gästen

Herzliche Begrüßung des türkischen Parlamentsabgeordneten Özcan Purcu (3. v. rechts) durch den Dortmunder Stadtdirektor Jörg Stüdemann (5. v. rechts); Fotos (2): C.-D. Stille

Herzliche Begrüßung des türkischen Parlamentsabgeordneten Özcan Purçu (3. v. links) durch den Dortmunder Stadtdirektor Jörg Stüdemann (5. v. rechts); Fotos (2): C.-D. Stille

Das 2. Roma Kulturfestival „Djelem Djelem“ Dortmund wartete zehn Tage mit einer Reihe vielseitiger, begeisternder Veranstaltungen auf. Heute Abend wird es im Konzerthaus Dortmund mit einem mit Spannung erwarteten Gastspiel der Mostar Sevdah Reunion, einem vielgereisten Musikensemble, das weltweit begeistert – Stargast ist Esma Redzepova („Queen of the gypsies“) – als Stargast zu Ende gehen.

Dialogveranstaltung im Dortmunder Rathaus

Vergangenen Donnerstag stand einmal mehr ein Dialog auf der Tagesordnung des Roma Kulturfestivals. Die Veranstaltung stand unter dem Motto „Miteinander reden-Voneinander lernen“ und fand im Rathaus der Stadt Dortmund statt.
Zu diesem Behufe waren eigens ExpertInnen aus der Türkei nach Dortmund gereist. So Özcan Purçu (CHP), der in die Geschichte seines Landes als erster Roma eingeht, der als Abgeordneter ins türkische Parlament gewählt wurde. Mit ihm nach Nordrhein-Westfalen gekommen war Hacer Foggo, Menschenrechtsvertreterin des „ European Roma Rights Center“ in der Türkei. Zwei weitere Teilnehmer der Gesprächsrunde waren Frau Şeyma Kurt, Leiterin eines Gemeinwesenzentrums (Semt Konaği) der Stadtverwaltung des Istanbuler Stadtteils Beyoğlu und Frau Melis Kaplangı, Kulturverwaltung Beyoğlu. Sie berichten über das Zusammenleben in Dolapdere und wie sich die Begleitung von Familien im Alltag für die dortige Stadtentwicklung bewährt hat. Im Istanbuler Stadtteil Dolapdere in Beyoğlu leben u. a. Roma-Familien, die ihren Lebensunterhalt mit dem Musizieren bestreiten.

Um das Folgende sollte es an diesem Abend in Dortmund gehen: „Wie sind die Wohn- und Lebensbedingungen der Roma heute? Wie funktionieren erfolgreiche Projekte zur Stärkung der sozialen Teilhabe? Wie können kulturelle Differenzen überwunden werden, die die Fremdheit
bestärken?“ Das Dortmunder Publikum war herzlich eingeladen mit den Gästen aus der Türkei, Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Verwaltung und Sozialverbänden, zu diskutieren. Stadtdirektor Jörg Stüdemann hieß die Gäste aus der Türkei mit einem besonders herzlichen „Hoşgeldiniz!“ willkommen.

Gäste des Abends u.a. Dilek Kumcu (Rechtsanwältin und Mitarbeiterin von Özcan Purçu ), Hacer Foggo, Özcan Purçu (v.l.n.re)

Gäste des Abends u.a. Dilek Kumcu (Rechtsanwältin und Mitarbeiterin von Özcan Purçu ), Hacer Foggo, Özcan Purçu (v.l.n.re)

Özcan Purçu, erster Roma im türkischen Parlament: Mit Tränen als „Waffe“, ehrlich vor sich selber und der Realität stets im Blick zum Ziel

Zunächst informierte der türkische Parlamentsabgeordnete Özcan Purçu über seinen Werdegang. Wenn das Prädikat „Selfemademan“ auf einen passt, dann auf diesen aus ärmsten Verhältnissen stammenden Roma. Die Familie lebte – wie viele Roma in der Türkei – am Rande der Stadt in einer Armensiedlung der Provinz Aydin. Manchmal, erzählte Purçu habe man Hunger gehabt, dann wieder Durst – Elektrik war nicht vorhanden. Die Familie lebte vom Flechten von Körben, die auf den Märkten umliegender Orte zu bestimmten Jahreszeiten zum Verkauf feilgeboten wurden. Oder die Flechtwaren wurden gegen Essen getauscht. Später zog die Familie dann in den Ägäisort Söke . Sie lebten an einem Fluss im Zelt. Da sah der junge Özcan zum ersten Mal wie Kinder in Schuluniform zur Schule gingen. Seinen Eltern sagte er, dass er auch so eine Uniform wolle und ebenfalls zur Schule gehen möchte.

Özcan Purçu: „Zu diesem Zeitpunkt hat sich unser Leben verändert.“ Dass er damals fünfzehn Tage geweint hat, weiß er noch heute. Denn Roma-Familien stand nicht ohne Weiteres die Option offen in die Schule zu gehen. Bei ihnen gehe es immer nur darum dafür zu sorgen, dass die Kinder überlebten. Bildung stand vielleicht bei den Familien an zwanzigster Stelle. Klein-Özcans Weinen hatte Erfolg: Seine  Mutter ging mit ihm  zur Schule. Doch Meldepapiere fehlten und die Schule lehnte zunächst eine Aufnahme ab. Nun setzte der Junge die Tränen als „Waffe“ auch im Beisein des Schuldirektors wieder ein. Der Direktor ließ sich erweichen. Würden die Papiere besorgt, könne er wieder kommen. So kam es. Es fehlte am Nötigsten. Özcan musste gar ohne Schuhe zur Schule gehen. Er spürte am eignen Leibe, was es  heißt, als gesellschaftlicher Außenseiter angesehen zu werden. Özcan Purçu wurde vom Lehrer gefragt was er denn einmal werden wolle. Die Antwort: „Ich möchte eine leitende Position haben. Vielleicht einmal Direktor werden.“ Der Lehrer schimpfte verärgert und hieß ihm, in der hintersten Reihe im Klassenzimmer Platz zu nehmen. Da kamen damals die vermeintlich faulen Kinder hin. Und Roma galten qua Herkunft als Nichtsnutze. Aus Roma, meinte man, würden ohnehin keine vernünftigen Menschen.

Özcan Purçu aber zeigte es den Lehrern: Er beendete die Grundschule als erfolgreichster Schüler. Trotzdem er den Eltern weiter half, Körbe zu flechten und diese mit ihnen verkaufte. Abends lernte er unter Kerzenlicht im Zelt. Er gab nicht auf, schaffte auch die Mittelschule mit Bravour. Und wenn er dafür in den Pantoffeln der Mutter in die Schule gehen musste. Özcan Purçu berichtete vom nächsten Hindernis auf seinem Lebensweg: Die Eltern hatten dem Fünfzehnjährigen eine Ehefrau ausgesucht. Doch Özcan wusste sich wieder einmal zu helfen: Dem Vater des Mädchens machte er wieder unter Weinen klar, dass er ihm die Tochter nicht geben solle, weil er weiter zu Schule gehen wolle. „Da habe ich eine gewischt bekommen.“ Schulbücher und Uniform wurden vom eignen Vater in den Fluss geworfen. „Ich hatte nichts, bin aber trotzdem weiter zur Schule gegangen“, sagte Özcan Purçu stolz . Er verließ auch die Oberstufe als bester Schüler.

Bei der in der Türkei obligatorischen Prüfung zur Aufnahme an die Universität war er bei  1,5 Millionen Teilnehmern Bester unter den ersten 9000. Özcan Purçu studierte Verwaltungswissenschaft, absolvierte das Studium und bewarb sich bald als Bezirksgouverneur, wurde jedoch nicht angenommen. Selbst die Richterprüfung bestand der Roma aus Söke, konnte aber auch da nicht reüssieren. Ausgerechnet habe ihn die Prüfungskommission die Frage gestellt, was seine Vorfahren denn „für dieses Land getan“ hätten. Eindeutig diskriminierend, denn den Leuten war seine Roma-Herkunft bekannt.

Im Jahre 2004 gründete Özcan Purçu mit Freunden den ersten Roma-Verein. Die anwesende Hacer Foggo, so Purçu, habe zu den ersten Personen gehört, die den Verein unterstützten.

Erstmals in der Türkei konnten seinerzeit nach neuer Gesetzeslage Roma (und andere Minderheiten) Vereine gründen und sich  trauen ihre Wünsche, Anliegen und Hoffnungen in der Öffentlichkeit zu artikulieren. Purçu wies daraufhin, dass man in letzten zehn Jahren viel Arbeit in eine Bildungsoffensive für Kinder und Jugendliche aus Roma-Familien investiert habe und auch Erfolge verzeichnen konnte.  Auch Roma-Frauen seien über spezielle Projekte gefördert worden. Dies habe man ab 2005 auch dank einer Zusammenarbeit mit europäischen Organisationen stemmen können.

Als er dann den Eltern sagte er wolle Abgeordneter werden, meinten die, der Sohn sei nun komplett durchgedreht. Aber 2014 wurde Purçus Wunsch Realität: Er zog als Abgeordneter für die oppositionelle CHP ins türkische Parlament ein. Sein Antrieb hinter all dem Ehrgeiz erklärt er mit seinem Credo: „Ich wollte der Öffentlichkeit beweisen, dass auch Roma-Kinder in der Lage sind etwas aus sich zu machen und für das Land und die Menschen etwas zu bewirken.

Im Leben haben wir alle die Möglichkeit, das zu erreichen, was wir wollen. Hauptsache wir kämpfen darum. Ein Mensch muss zuallererst ehrlich zu sich selber sein und darf die Realität nicht aus den Augen verlieren. Erst dann darf man in die Öffentlichkeit treten.“ Purçu ist der erste Abgeordneter in der Türkei mit Roma-Wurzeln. Er gab sich aber zuversichtlich hinsichtlich dessen, dass vielleicht künftig fünfzehn oder zwanzig Abgeordnete mit Herkunft aus der Roma-Minderheit im Parlament in Ankara vertreten sein werden.

Egal welcher Herkunft man sei, könne man auch Lösungsansätze für spezielle Probleme entwickeln. Weil er wisse welche Nachteile Roma in der Türkei haben, sei es für ihn – so der türkische Gast – einfacher diese Problematiken anzugehen und Lösungen zu entwickeln. Beziehungsweise sie in parlamentarische Anträge zu überführen. Gesundheit, Bildung, die Verbesserung der Wohnsituation von Roma, den Abbau von Vorurteilen, den Kampf gegen die Diskriminierung und Sicherheit, nannte Özcan als Themenschwerpunkte seiner politischen Arbeit. Dafür wolle er sich mit voller Kraft einsetzen.

Hintergründe zur Situation der türkischen Roma: Sie leben zu hundert Prozent in Gecekondus. Lediglich zehn Prozent von ihnen wohnen in eignen vier Wänden. Dreißig Prozent der Roma haben Wohnungen geerbt. Zwanzig Prozent von ihnen hausen in Baracken und Zelten. Viele Roma haben Mietwohnungen (Einraumwohnungen zumeist). Eine Wohnung nimmt nicht selten bis zu  vier Familien auf.

Stadtdirektor Jörg Stüdemanns Frage nach der Anzahl der türkischen Roma konnte der Gast nur mit geschätzten Zahlen beantworten: Es sind wohl um die 4,5 bis 5 Millionen. Hat es für Roma eine bessere Zeit in der Geschichte gegeben? Purçu bejahte das und verwies auf das Osmanische Reich. Da hätten die Roma oft wichtige Handwerke ausgeübt, weshalb sie benötigt und dementsprechend besser behandelt wurden.

Warum ausgerechnet in die CHP gegangen sei, fragte eine Zuhörerin. Viele seiner Vorfahren, erklärte der Abgeordnete, stammten aus Saloniki (Thessaloniki). Und da das der Geburtsort des Gründers der Türkischen Republik Mustafa Kemal Atatürks sei, habe das nahegelegen, da die Wahl dieser Partei eine familiäre Tradition war. Auch habe er eine „sozialistische Ader“ und setze, der lange ein ungerechtes Leben gelebt habe, auf grundsätzliche sozialdemokratische Werte wie Gerechtigkeit und Gleichbehandlung.

Menschenrechtlerin Hacer Foggo und ihr Einsatz für die Roma

EU-Beitrittsverhandlungen brachten eine Verbesserung auch für die Lage der Roma, warf Hacer Foggo ein. Sie erinnerte daran, dass es zuvor z.B. bei der Polizei zahlreiche inoffizielle Verordnungen betreffs des Umgangs mit Roma. Es wurde geradezu willkürlich gegen sie vorgegangen. Geschah beispielsweise irgendwo ein Diebstahl waren es die in Tatortnähe lebenden Roma, die quasi automatisch als erstes verdächtigt und beschuldigt wurden. Eine schlimme Stigmatisierung dieser Volksgruppe. Erst 2005 sei eine schlagkräftigen Roma-Organisation entstanden. Was nicht zuletzt mit dem Umsiedlungsprozess der Roma im Istanbuler Viertel Sulukule im Zusammenhang gestanden habe, sagte Foggo.

Sulukule (deutsch: Wasserturm) gilt als das älteste Romaviertel Europas. Und die Geschichte dieser Roma reicht bis ins Jahr 1054 zurück. Die Roma tanzten vor byzantinischen Kaisern, wie vor osmanischen Sultanen. Sie handelten mit Pferden und traten traditionell als Bärenführer, Musiker, Akrobaten und Gaukler auf. (hier ein älterer Artikel von mir in der Istanbul Post)

Hacer Foggo war nachdem sie (im Vorfeld des Kulturhauptstadtjahres 2010) in der Zeitung gelesen hatte, dass Sulukule im Rahmen eines Städtebauprojektes abgerissen werden sollte, sofort nach Istanbul gereist. Da, erzählte Foggo, habe sie sich in ein Roma-Café gesetzt und die Roma gefragt, ob sie von dem Projekt wüssten. Sie waren überhaupt nicht darüber informiert. Die Roma wollten sofort einen Verein gründen, Sie wussten aber nicht wie. Er entstand schließlich unter Federführung von Hacer Foggo. Bis zum Abriss des letzten Hauses in Sulukule begleitete der Verein die Roma. Der Verein wurde endlich auch Ansprechpartner für den zuständigen Bezirksbürgermeister des Stadtteils Fatih. Die von ihm angekündigten attraktiven osmanischen Nachbauten im eh im osmanischen Baustil errichtetem Viertel (ein Widerspruch in sich), stellten sich als für die angestammten Roma unbezahlbar heraus. Überdies waren unter den Gebäuden  Garagen vorgesehen. Ein Zeichen dafür, dass es Wirklichkeit um die Vertreibung der Roma aus dem Viertel ging. Denn welcher Roma ist schon im Besitz eines Autos? Parallel zum Verein wurde die Sulukule-Plattform, die Architekten, Studenten und Stadtplaner vereinte, gegründet.

Haca Foggo informierte über einen Polizeichef, der für seine Brutalität u.a. gegenüber Roma bekannt war. Man nannte ihn „Hortum-Suleiman“, weil er seine Opfer mit Schläuchen verprügelte, die er mit Eisenkugeln gefüllt hatte. Auch Musikinstrumenten von Roma wurden zerstört. Das für seine reichhaltige Musikszene bekannte Viertel verfiel zunehmend und verarmte. Viele Roma wurden ihre Einkommensmöglichkeiten genommen. Die Roma, Eigentümer ihrer Häuser, blieben drei Optionen: Verkaufen und Gehen, das neue Gebäude mit lächerlichen Entschädigungspreis verrechnet auf Kredit kaufen (sich also hoch verschulden) oder ein „beschleunigtes Enteignungsverfahren“ (gilt eigentlich nur bei Naturkatastrophen). Der Verein „klopfte seiner Zeit an viele Türen in Amerika und Europa“, um die Situation in Sulukule aufmerksam zu machen. Trotzdem zog die Stadtverwaltung die Gentrifizierung durch. „Sulukule“, so Hacer Foggo, „war damals ein Modell für die gesamte Türkei unter dem Vorwand der Stadterneuerung“.

Die vielfältigen Angebote der Gemeinwesenzentren von Beyoğlu

Nachdem Negativbeispiel Umsiedlung der angestammten Roma von Sulukule erhielten die Zuhörer und aktiv an dieser Dialogveranstaltung im Dortmunder Rathaus noch zuversichtlich stimmende Informationen von Seyma Kurt von der Stadtverwaltung des Istanbuler Stadtteils Beyoğlu. Kurt leitet dort ein Gemeinwesenzentrum (Semt Konaği). Es ist in einem alten Istanbuler Gebäude untergebracht. Diese Zentren existieren dort in jedem Viertel. Wie etwa in Dolapdere. Hier können Angebote wie Duschen, Wäsche waschen und Mittagessen genutzt werden.

Im Stadtteil gibt es einen sozialen Supermarkt. Und zwar nicht nur für Roma. Die Bezugskarten müssen beim Amt beantragt (Bedürftigkeitsprüfung) werden. Es gibt Kindergärten und Vorschuleinrichtungen. Auch ein Postamt. Das Gemeinwesenzentrum verfügt über einen großen Mehrzwecksaal. Es gäbe Möglichkeiten der psychologischen Betreuung. Darüber hinaus besteht u. a. die Möglichkeit, Alphabetisierungskurse zu besuchen oder an verschiedenen Beratungsangeboten teilzunehmen. Im Einzugsbereich der Bostanstraße liegt ein Musikcafé. Viele der Einwohner verdienten ihr Einkommen mit Musizieren. Viele andere als Tagelöhner. Als ein Bild mit einer Hochzeitsgesellschaft gezeigt wird, erfahren die Gäste nicht nur, dass in der Romagesellschaft sehr früh geheiratet wird, sondern auch, dass die Frauen oft bestimmten wie lange die Ehe Bestand habe. Was allgemeine Heiterkeit auslöste.

Leider schickten viele Roma ihre Kinder noch immer nicht zur Schule. Weil sie eben gefordert seien das Familienbudget durch Arbeit sicherzustellen. Zu beklagen sei auch eine Ghettoisierung von Schülern, da eigne Roma-Klassen gebildet würden. Die dort tätigen Lehrerinnen und Lehrer gelten als unmotiviert. Trotz einer Bildungsoffensive des zuständigen Ministeriums käme es deshalb vor, dass Romakinder in der fünften Klasse noch immer nicht lesen und schreiben könnten.

Neben Seyma Kurt vermittelte auch Melis Kaplangı von der Kulturverwaltung von Beyoğlu einen informativen Überblick über das Zusammenleben in Dolapdere und wie sich die Begleitung von Familien im Alltag für die dortige Stadtentwicklung bewährt hat.

Dortmund nimmt sich ein Beispiel am Angebot von Gemeinwesenzentrum in Dolapdere

Ein äußerst aufschlussreicher Abend! Nebenbei bemerkt: Der Dialog funktioniert auch zwischen der Bosporusmetropole und der Ruhrgebietsstadt – Beyoğlu und Dortmund verbindet eine Partnerschaft: Die hiesige Stadtverwaltung sieht sich inspiriert von Teilen des Angebots des Semt Konaği in Beyoğlu-Dolapdere. Stadtdirektor Jörg Stüdemann ließ an diesem Abend des 10. September durchblicken, dass man gedenke, auch in der Dortmunder Mallinckrodtstraße eine Waschstation zwecks Unterstützung von Roma-Neubürgern im Viertel einzurichten. Getreu dem Motto des Abends: „Miteinander reden – Voneinander lernen“.

Wer ist der Aggressor im Propagandakrieg?

Empfehlung!

Avatar von DokDie Propagandaschau

Wie in jedem militärischen Konflikt auch, muss man sich gleichermaßen mit Blick auf den virulenten Propagandakrieg zwischen dem Westen und Russland fragen: Wer ist der Aggressor und wer verteidigt sich?

Diese Frage ist von grundlegender Bedeutung mit Blick auf Analyse, Verständnis und letztlich der Bewertung von Legitimität des aktuell mit Säbel-, Tastatur- und Verbalrasseln ausgetragenen Konflikts um die Ukraine und sie wurde bisher nicht oder zumindest nur unzureichend beleuchtet.

Propagandakrieg USA, NATO, EU vs RF: Asymmetrischer Propagandakrieg

Propagandakrieg ist die Vorstufe zu heißem Krieg. Ein Feindbild wird konstruiert, dä­mo­ni­siert, als Bedrohung der eigenen Existenz dargestellt, womit die Existenzberechtigung des Feindes gleichzeitig negiert werden soll. All dies dient der Mobilisierung der eigenen Bevölkerung, die prinzipiell zunächst einmal friedlich gestimmt ist, weil alle Individuen einer Gesellschaft primär ihrem eigenen Streben nach Glück nachgehen wollen. Propaganda ist also nicht nur ein Verbrechen an der zum Feind gestempelten Bevölkerung, sondern auch an der eigenen, die…

Ursprünglichen Post anzeigen 1.387 weitere Wörter

Forum Rauchfrei will Absage der InterTabac in Dortmund erreichen

Johannes Spatz informierte bereits vor einem Jahr zusammen mit dem Indonesier Yosef Rabindanata Nugraha (22) aus Bogor (Indonesien) und dem Dortmunder Max Vollmer über das Anliegen des Forum Rauchfrei; Foto: C.-D. Stille

Johannes Spatz informierte bereits vor einem Jahr zusammen mit dem Indonesier Yosef Rabindanata Nugraha aus Bogor und dem Dortmunder Max Vollmer (von links nach rechts) über das Anliegen des Forum Rauchfrei ; Foto: C.-D. Stille

Abermals zieht die in Dortmund für den 18. – 20. September 2015 geplante weltweit größte Tabakemesse „InterTabac“  die Kritik von Gegnern des blauen Dunstes auf sich.  Erst recht deshalb, weil die Messe ausgerechnet von einem stadteigenen Unternehmen, der Westfalenhallen Dortmund GmbH, veranstaltet wird. Nach Einschätzung des Forum Rauchfrei ist die Veranstaltung mit dem nordrhein-westfälischen Nichtraucherschutzgesetz sowie dem Gesetz zu dem Tabakrahmenübereinkommen nicht vereinbar.

Forum Rauchfrei: Nicht staatlicher Auftrag, die Tabakindustrie zu fördern

„Es“ sei – so steht in einer Presseerklärung des Forum Rauchfrei von dieser Woche zu lesen, „nicht staatlicher Auftrag, die Tabakindustrie zu fördern“.  Aus diesem Grund werde das  Forum Rauchfrei  „rechtliche Schritte gegen die Tabakmesse InterTabac in Dortmund einleiten“. Bereits im Jahre 2014 zog besagtes Forum gegen die Messe zu Felde. Dazu meine Artikel: hier und hier.

Pressekonferenz von Forum Rauchfrei in Dortmund

Für den heutigen Tag war in Dortmund eine Pressekonferenz anberaumt worden.  Leider war ich selbst persönlich verhindert, daran teilzunehmen. Freundlicherweise stellte mir das Forum Rauchfrei aber die nötigen  Informationen zur Verfügung.

Folgende Experten sollten während der Pressekonferenz das Vorgehen von Forum Rauchrei begründen und Fragen beantworten:

Volker Loeschner, Rechtsanwalt, Fachanwalt für Medizinrecht, Berlin, Prof. Dr. med. Ulrich Keil, Universität Münster, Johannes Spatz, Arzt, Sprecher des Forum Rauchfrei, Berlin, Dr. med. Joachim Kamp, Sport-für-rauchfrei, Hausarzt, Palliativmediziner, Emsdetten sowie Dr. med. Ronald Doepner, Lungenfacharzt mit Praxis in Dortmund.

Logo des Forum Rauchfrei; via Forum Rauchfrei.

Logo des Forum Rauchfrei; via Forum Rauchfrei.

Presseerklärung von Forum Rauchfrei:

Jedes Jahr bis zu 1.000 Tote in Dortmund

Forum Rauchfrei beschreitet den Rechtsweg gegen Tabakmesse der Westfalenhallen

Weil die Stadt Dortmund mit ihrem stadteigenen Unternehmen Westfalenhallen Dortmund GmbH die Tabakmesse InterTabac durchführt und so den Konsum von Tabakprodukten fördert, hat das Forum Rauchfrei gestern Beschwerde beim Ordnungsamt Dortmund eingelegt. Ziel ist es, die Erlaubnis zur Durchführung der Messe zu widerrufen. Die Stadt verstößt mit der Tabakmesse gegen das nordrhein-westfälische Nichtraucherschutzgesetz und stellt sich durch ihre Förderung des Tabakkonsums der grundgesetzlichen Schutzpflicht des Staates entgegen.

„Dass ein stadteigenes Unternehmen als Teil der Tabakindustrie agiert ist nicht nur moralisch, sondern auch rechtlich nicht hinnehmbar“, sagt Johannes Spatz, Sprecher des Forum Rauchfrei. „Es ist ein Skandal, dass Landes- und Bundesregierung nichts gegen die InterTabac unternehmen“.

Dr. Ronald Doepner, Pneumologe mit Praxis in Dortmund, zu den Verantwortlichen der Tabakmesse in Dortmund: „Es handelt sich um eine Verletzung der Aufsichts- und Fürsorgepflicht mit Todesfolge“.

Volker Loeschner, Fachanwalt für Medizinrecht: „Während der InterTabac wird das nordrhein-westfälische Nichtraucherschutzgesetz ad absurdum geführt. Raucherräume, die ausnahmsweise eingerichtet werden können, dienen der Selbstbestimmung der Raucher, nicht aber wirtschaftlichen Interessen der Tabakindustrie wie im Fall der InterTabac“.

„Das Land Nordrhein-Westfalen hat sich den Kampf gegen Krebs und Herz-Kreislauferkrankungen als Gesundheitsziel auf die Fahnen geschrieben“, sagt Dr. Joachim Kamp, Facharzt für Innere Medizin in Emsdetten „NRW kann doch nicht zulassen, dass die Stadt Dortmund Tabakprodukte vermarktet“.

„In Dortmund sterben jedes Jahr bis zu 1.000 Menschen an den Folgen des Rauchens, in Nordrhein-Westfalen bis zu 30.000. Hierfür macht sich die Stadt Dortmund mit verantwortlich“, so Prof. Dr. Ulrich Keil, Epidemiologe an der Universität Münster.

Die Messe verstößt nicht nur gegen das nordrhein-westfälische Nichtraucherschutzgesetz, sie widerspricht auch den Gesundheitszielen des Landes und des Bundes sowie dem Gesetz zu dem Tabakrahmenübereinkommen von 2005. Johannes Spatz, Dr. Joachim Kamp, Dr. Ronald Doepner, Prof. Dr. Ulrich Keil und Volker Loeschner fordern ein sofortiges Ende der Tabakmesse. Sie finden dabei zunehmend Unterstützung durch Verbände aus dem Gesundheitswesen in NRW, bundesweit und auch international. Die Messe, die größte ihrer Art, führt zu einer Erhöhung des Tabakkonsums und zu negativen Auswirkungen auf der ganzen Welt.

Forum Rauchfrei appelliert an NRW-Gesundheitsministerin

Die Nikotingegner richteten darüberhinaus einen „Appell an die Gesundheitsministerin von Nordrhein-Westfalen“:

Sehr geehrte Frau Ministerin Steffens,

vom 18. bis 20. September 2015 soll in Dortmund zum 37. Mal die Tabakmesse InterTabac stattfinden, geplant und durchgeführt von der stadteigenen Westfalenhallen Dortmund GmbH. Mit dieser Messe fördert die Messegesellschaft und ihr alleiniger Besitzer, die Stadt Dortmund, den Verkauf von Tabakprodukten, an deren Konsum alleine in Deutschland jedes Jahr mehr als 100.000 Menschen sterben.

Die InterTabac ist die weltweit größte Messe ihrer Art, sie wächst von Jahr zu Jahr, sie hat weitreichende Auswirkungen in Ländern auf der ganzen Welt. Weltweit sterben jedes Jahr rund sechs Millionen Menschen an den Folgen des Rauchens.

Alle Bemühungen, den Stadtrat und den Oberbürgermeister Dortmunds zu einem Umdenken zu bewegen, sind bisher erfolglos geblieben.

Auf der Liste der zehn vorrangigen Gesundheitsziele des Landes Nordrhein-Westfalen stehen die Reduzierung von Herz-Kreislauf-Krankheiten und die Bekämpfung des Krebses an oberster Stelle. Warum lässt das Land es seit über dreißig Jahren zu, dass eine seiner Städte ein Produkt vermarktet, das wie kein zweites die Ursache für diese Erkrankungen darstellt?

Als Gesundheitsministerin des Landes Nordrhein-Westfalen haben Sie die Möglichkeit, die Veranstaltung der Tabakmesse InterTabac zu verhindern. Die Messe widerspricht den Zielen des nordrhein-westfälischen Nichtraucherschutzgesetzes ebenso wie den Zielen des Gesetzes zu dem Tabakrahmenübereinkommen, das der Deutsche Bundestag im Jahr 2004 beschlossen hat.

Wir appellieren an Sie, sich im Interesse der Bürger Dortmunds, der Bürger Nordrhein-Westfalens und aller Menschen, die heute und in Zukunft unter den Folgen des Tabakkonsums leiden, für ein Ende der Tabakmesse InterTabac einzusetzen.

Informationen: Johannes Spatz Sprecher Forum Rauchfrei.

Gesundheitsverbände, Ärztinnen und Ärzte appellieren an Gesundheitsministerin von NRW, die Tabakmesse „InterTabac“ zu stoppen

Am Freitag übersandte das Forum Rauchfrei der nordrhein-westfälischen Gesundheitsministerin Barbara Steffens einen Appell mit der Forderung, die weltweit größte Tabakmesse, die vom 18. bis 20. September 2015 in Dortmund von der stadteigenen Westfalenhallen Dortmund GmbH veranstaltet werden soll, zu stoppen. Zu den bedeutendsten Unterzeichnern aus Deutschland gehören die Deutsche Herzstiftung, die Deutsche Diabetes Gesellschaft, der Bundesverband der Pneumologen und der Berufsverband der Kinder-und Jugendärzte.

„Nach der Absage der Inter-tabac ASIA auf Bali ist Dortmund vielen Menschen in aller Welt als die deutsche Stadt im Gedächtnis geblieben, die den Tabakkonsum weltweit fördert“, sagt Johannes Spatz, Sprecher des Forum Rauchfrei, das den Appell initiiert hat. Die Tabakmesse Inter-tabac ASIA, deren Durchführung auf Bali im Februar 2014 ebenfalls von den Westfalenhallen geplant worden war, wurde nach einer internationalen, vom Forum Rauchfrei ausgelösten Protestwelle vom Gouverneur der Insel verboten. Appelle an den Dortmunder Oberbürgermeister, die Messe abzusagen, waren ohne Erfolg geblieben.

Zu den bekanntesten Unterzeichnern aus der Politik gehören die drei Bundestagsmitglieder Lothar Binding (SPD), Dr. Kirsten Tackmann (DIE LINKE) und Inge Höger (DIE LINKE). Auf internationaler Ebene haben u.a. die Chefredakteurin der Zeitschrift Tobacco Control, Ruth Malone, und die Organisationen Action on Smoking and Health (USA), die Irish Cancer Society und die South East Asia Tobacco Control Alliance unterzeichnet.

Die Messe steht im Widerspruch zu den Gesundheitszielen des Landes NRW und des Bundes, ebenso wie zu den Zielen des nordrhein-westfälischen Nichtraucherschutzgesetzes und des Gesetzes zu dem Tabakrahmenübereinkommen des Bundes. „Es ist erstaunlich, dass das Land es überhaupt noch zulässt, dass eine seiner Städte eine solche Messe veranstaltet“, so Spatz.

Für den Fall, dass auch der Appell an Gesundheitsministerin Steffens nicht fruchten sollte, hat das Forum Rauchfrei für den Eröffnungstag der Messe eine Protestveranstaltung vor den Toren der Westfalenhallen angekündigt.

(Informationen via Forum Rauchfrei)

Ich werde Sie, liebe Leserinnen und Leser, weiter über die Causa informieren.