Lesenswerter Erstling von Gabriele Günther „Fassadenbrüche“ – Rezension

Geht ein Jahr zu Ende, bilanzieren Menschen nicht selten. Was war gut, was war eher schlecht an diesem nun ausgehenden Jahr? Es wird durchaus oft ein Fazit gezogen: Da ist noch Luft nach oben!

Da die Hoffnung bekanntlich zuletzt stirbt, keimt sie an Silvester auch immer wieder auf. Da wird auf das vor der Tür stehende neue Jahr geblickt und bestimmte Gedanken, welche man vielleicht schon des Längeren mit sich herumgetragen hatte, gerinnen unter dem Druck des bevorstehenden Jahreswechsels enthusiastisch zu Vorsätzen, die man sich fürs neue Jahr vornimmt bestimmt in die Tat umzusetzen.

Heißt es nicht in der ersten Strophe des Gedichts «Stufen« von Hermann Hesse:

[…] „Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe // Bereit zum Abschied sein und Neubeginne, // Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern // In andre, neue Bindungen zu geben. // Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, // Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“ ( via lyrikline.org)

Na, also?

Ich, für mein Teil, muss sagen, dass ich es bereits länger aufgeben habe, Vorsätze fürs neue Jahr zu formulieren. Schon deshalb, weil man sich ja immer selbst mitnimmt ins neue Jahr. Mit allen Ecken und Kanten. Man kennt das ja, wenn man in den Urlaub fährt, um Abstand zu gewinnen. Abstand von sich selbst und eine neuer Mensch werden? Das gelingt selten bis nie. Doch bitte: Jede/r wie sie/er mag …

Dass ich mir in Sachen Vorsätze wieder (rückblickende) Gedanken machte, verdanke ich einem Video von Michael Seidel, welcher für seinen You Tube – Kanal „Hier ist mein Land“, die spät berufene (ein Glück für uns, dass sie den Schritt wagte!) Schriftstellerin Gabriele Günther zu Gast hatte. Es wurde u.a. über deren Debütroman „Fassadenbrüche“ gesprochen. Das machte mich neugierig. Nun habe ich das Buch ausgelesen und bin wirklich hellauf begeistert von dem Roman!

Zum Buch

Eine Silvesterfeier unter Freunden. Die Frage nach den Vorsätzen für das neue Jahr wirft Konflikte auf. Am Neujahrsmorgen steht das Versprechen, sich in einem Jahr am selben Ort wiederzutreffen. In diesen zwölf Monaten brechen alte Wunden auf und es zeigen sich ungeahnte Abgründe in ihrer scheinbar perfekten Welt.

Ein Jahr später lösen sie ihr Versprechen ein, aber nichts ist mehr, wie es einmal war. Ein tiefgründiger Roman über Freundschaft, Liebe und die Unvorhersehbarkeit des Lebens.

Was nicht zu viel versprochen ist!

Der Roman ist gut konzipiert. So, dass uns die sieben darin vorkommenden Personen in nicht allzu lang geratenen Kapiteln vor (auch via Rückblenden) Augen geführt, bekannt gemacht und samt ihrer Charaktere immer deutlicher gezeichnet werden. So können wir bald deren Denken und Fühlen nachvollziehen, wenn wir persönlich hier und da auch womöglich versucht sind zu meinen, wir hätten anders gehandelt. Doch Vorsicht! Wir stecken ja nicht in der Haut der anderen.

Ich muss gestehen, dass die Handlung mich ab und an triggerte und bei mir Lebenserfahrungen und Geschehnisse aus meinem eigenen Leben herbeirief. Durchaus auch schmerzhafte Erinnerungen – aus gutem Grund ins Unterbewusstsein Verdrängtes – stiegen in mir auf.

Von Anfang an wird im Roman die Spannung geschickt aufgebaut, gehalten und sogar noch gesteigert, an Stellen, wo es sozusagen ans Eingemachte, auch Schmerzhafte geht. Man möchte das Buch fast nicht mehr aus der Hand legen. Wir Rezipienten reflektieren das Handeln der jeweiligen Personen und sind zuweilen versucht uns zu fragen: Wie würden wir jeweils gehandelt haben in diesem oder jenem Fall?

Wer den Roman verinnerlicht wird sich hüten den Stab über die einzelnen Protagonisten zu brechen, noch die Nase über ihr Handeln zu rümpfen, noch sie unkritisch in den Himmel heben. Schließlich kann so manches, was darin zur Sprache gebracht wird, uns selbst auch passieren. Im Türkischen heißt es: „ Yaşamak zor“ (Zu leben ist schwer) Das walte Hugo!

Auch wenn man das Leben anscheinend leicht nimmt. Unerwartete Einschläge verschiedenster Art können einen früher oder später ereilen. Mag man davor auch noch so viele Pläne gemacht haben.

Besonders berührte mich der Roman, weil ich mich selbst in der Altersphase der Romanfiguren – über 50, über 60 – befinde.

Was keinesfalls heißen soll, dass der Roman kein Lesestoff für Jüngere wäre.

Das Romanpersonal agiert während der Silvesterfeier bei Claudia und Johan hinter ihrer jeweilige Fassade. Welche mehr oder weniger sozusagen potemkinsch ist, wie die Gespräche der Gäste vorsichtig erahnen lassen. Hinter den eine stimmige Beziehung reflektierende Fassaden sind bröckelnde Brüche verborgen. Manch einer wird dergleichen vielleicht auch schon auf Feiern erlebt haben.

Nebenbei bemerkt musste ich dabei an eine in meiner Heimatstadt zu DDR-Zeiten anlässlich irgendeines Republik-Geburtstages zu einem Boulevard aufgemotzte Straße denken. Hinter den frisch renovierten Fassaden der alten Häuser blieb die unveränderte in die Jahre gekommene, dahin bröselnde Altbausubstanz versteckt.

Bald begannen auch die Fassaden Brüche zu bekommen. So auch im Roman.

Was in einzelnen Kapiteln durch sich Mal um Mal verlängernde Bruchlinien auf den jeweiligen Anfangsseiten angedeutet wird.

Bei der Alleinstehenden Katarina wird schon auf den ersten Seiten des Buches klar, dass sie, um den Schein zu wahren, Alkohol, viel Alkohol nötig hat. «Bevor sie auf die Silvesterfeier ging, hatte sie vorgeglüht. Mit Wodka. Den riecht man nicht«, lesen wir auf Seite 19.

Auf der Feier dann nutzt sie Toilettengänge (sie schob eine angebliche Blasenentzündung vor) , um ihreb Alkoholspiegel aufzufüllen. «An der Garderobe hing ihr Mantel mit beidseits großen Taschen. Darin versteckt war jeweils ein mit Wodka gefülltes Fläschchen. Gleich am Anfang des Abends hatte sie eins davon im kleinen Mülleimer deponiert, der neben der Toilette stand, und sorgfältig mit Toilettenpapier bedeckt. So musste sie nicht jedes Mal an der Garderobe vorbei.«

Wir ahnen: Katarina ist auf einer gefährlich schiefen Ebene. Ein Absturz ist wahrscheinlich …

Johan auf der Feier: «Was sind eure Vorsätze für das neue Jahr?«

„Es fielen die gängigen Schlagworte. Abnehmen, sich gesünder ernähren, nicht mehr rauchen, weniger Alkohol, mehr Sport, weniger Stress im Beruf. Immer wieder das Gleiche, jedes Jahr aufs Neue, dachte Johan.“

Später meint er: „Diese Dinge, weniger Alkohol, keine Zigaretten, mehr Sport, das alles sei so banal. Das nehme sich jeder in jedem neuen Jahr wieder vor, zumeist ohne Erfolg. Möchte niemand von allen irgendetwas tun, was er bisher nie im Leben getan habe, niemand seinen einen Traum erfüllen, der immer schon geträumt worden sei? Wolle niemand jemals im Leben etwas Verrücktes machen, was er schon immer tun wollte, wozu aber keine Zeit gewesen sei oder der Mut gefehlt?“

Und Johan lässt die Bombe platzen: Er möchte nur mit einem Rucksack eine lange Zeit wandern gehen auf Kreta. Allein. Ohne Claudia. Die ist geschockt. Stimmt aber letztlich zu. Sie nimmt sich vor zu Schreiben. Und das gelingt ihr. Auch der Text von Claudia „Die Hexe von Santorini“ ist Gabriele Günther perfekt geraten. (S.235) Die verehrten Leserinnen und Leser dürfen gespannt darauf sein, wie das wohl für Claudia und Günther ausgeht! Und da ist dann noch was ...

Fassaden hin oder her. «Alles ist möglich. Aber nix is fix«, heißt es in einem Songtext von Rainhard Fendrich.

In den zwölf Monaten nach diesem Silvester brechen bei manchen der Romanfiguren alte Wunden auf. Keimen Hoffnungen kurz und zerstieben wieder. Ein immer verschwiegenes Trauma aus Kindheitstagen hat eine der Personen zu einer heimlich ausgeübten Abhängigkeit verführt, welche ertappt dabei auf Empörung und Verachtung trifft. Diese Person selbst stößt an (s)eine Grenze.

Spannend, tief berührend und glaubhaft erzählt.

Auch von einem neuen Glück, welches einer Romanfigur widerfährt und sogar Nachhaltigkeit verspricht, erzählt der Roman.

Unbedingt erwähnt werden muss die perfekte grafische Gestaltung des Covers und des Buches insgesamt.

Das Buch

Fassadenbrüche

von Gabriele Günther

Mehr zum Buch

15,90 € inkl. Mwst.

PROOF Verlag Erfurt

ISBN-10

Enthält 7% Mehrwertsteuer

zzgl. Versand

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Wer ist Gabriele Günther?

Gabriele Günther, 1956 in Fürstenberg/Havel geboren, kommt mit vier Jahren nach Süddeutschland. Nach dem Besuch des Gymnasiums verbringt sie zehn prägende Jahre in Berlin. Sie lebt in dritter Ehe in Baden-Württemberg. Eine Tochter, ein Sohn, zwei Enkel.

Nach ihrem Berufsleben als Physiotherapeutin und Heilpraktikerin mit zwei eigenen Praxen widmet sie sich dem Schreiben. Ihre Inspiration: der ganz normale Alltag der deutschen Mittelschicht, Beobachten, Reden, Erleben, Zuhören, Mitfühlen, Nachdenken. Oder um Erich Kästners Fabian aufleben zu lassen: Die Fähigkeit, durch Wände in Wohnzimmer zu schauen, wäre nichts im Vergleich zur Fähigkeit, das Gesehene zu ertragen.

Von Herzen gern gebe ich hier eine unbedingte Leseempfehlung für Gabriele Günthers Erstlingsroman. Und ich rufe Gabriele Günther zu: Weiterschreiben!

Was sie übrigens dankenswerterweise bereits getan hat.

Von Dragoslav „Stepi“ Stepanović, einst Trainer von Eintracht Frankfurt, stammt der Spruch für die Ewigkeit: „Lebbe geht weider“.

So auch für die „Fassadenbrüche“:

Fassadenbrüche – Und irgendwie gehts weiter

von Gabriele Günther

In „Fassadenbrüche – Und irgendwie geht’s weiter“ setzt Gabriele Günther die packende Geschichte fort und gewährt tiefere Einblicke in die komplexen Charaktere und ihre Geheimnisse. Atemlos begleiten wir sie durch ein Jahr voller überraschender Wendungen, Glück und Unglück, verheerender Entscheidungen und fataler Konsequenzen. Ein Roman über die nie endende Suche nach Liebe, Glück und Selbstverwirklichung. Er erzählt von den Zeiten des Übergangs, des Wartens, Hoffens und Loslassens und davon, wie sehr sich Liebe und Hass ähneln. Seien Sie gespannt auf neue Wendungen, emotionale Momente und eine fesselnde Handlung, die Sie nicht mehr loslassen wird.

Hinweis: Eine Rezension auch zum neuen Buch demnächst hier auf diesem Blog.

Autorinnenfoto: Birgit Müllerschön

Anbei:

Gabriele Günther bei Michael Seidel (#HieristmeinLand) zu Gast

Dortmund: „Bündnis UMfairTeilen“ vs. zunehmende Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich

In Dortmund haben sich engagierte Bürger für UMfairTeilung engagiert; Fotos: C.-D. Stille

In Dortmund haben sich engagierte Bürger für UMfairTeilung engagiert; Fotos: C.-D. Stille

Merkel macht die Raute. Und wartet weiter zu und ab. Die Mainstream-Presse juchzt und jubelt: Deutschland geht es gut! „Wir“ waren Papst und sind Fußballweltmeister. Und wie die Märchentante GfK meint, steigt das Konsumklima überraschend. „Die“ Deutschen, heißt es via T-Online weiter, „kaufen weiter ein“. Also alles in Butter? Na, das denkt vielleicht allein der deutsche Michel. Die Wirklichkeit muss differenzierter in Augenschein genommen werden. Also runter mit der rosa Brille! Und, wie die Menschen – ihr Herz auf der Zunge tragend – im Ruhrpott zu sagen pflegen: Butter bei die Fische!

Die Spaltung in Arm und Reich kam nicht wie ein Springteufel

„Zwei Jahrzehnte neoliberale Politik hinterlassen in Deutschland längst mehr sichtbare als unsichtbare Spuren. Diese folgenreiche Politik trägt die Schuld an der voranschreitende Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich. Wie ein Springteufel aus dem Nichts kam das nicht. Schon gar nicht ist ausufernde Armut etwas Gottgegebenes – wenn das denn irgendwer denken sollte.

Deutschlandweit liegt – so konnte man es im letzten Armutsbericht des Paritätischen lesen – auf einem Rekordniveau. Die Ruhrgebietsmetropole Dortmund liegt nach Auswertung der Daten bei den Großstädten inzwischen auf dem letzten Tabellenplatz! Die Armutsquote wurde mit dem bundesweiten Rekordwert von 26, 4 Prozent angegeben. Damit wäre jeder vierte Einwohner arm oder von Armut bedroht.“ (Soweit die Feststellung in der Einleitung zu meinem Artikel vom 12.9.2014).

Nicht alle Menschen aber gedenken dem Klassenkampf von oben, wie er seit Jahrzehnten auch hierzulande stattfindet wie die von Brecht erwähnten Kälber zu, die sich ihre Metzger auch noch selber wählen. Klassenkampf von oben: Der Milliardär Warren Buffett drückte das ja betreffs seines Landes bekanntlich so aus: „Wenn in Amerika ein Klassenkampf tobt, ist meine Klasse dabei, ihn zu gewinnen.“ (Quelle: Wikipedia)

Bündnis UmfairTeilen Dortmund wiederbelebt

Im vergangenen (Bundestagswahl-)Jahr fand, organisiert von Verbänden, Gewerkschaften und unterstützt von Kirchen und Teilen der Opposition eine große UmfairTeilen-Kampagne statt. In diesem Jahr ist es in dieser Hinsicht sehr still geworden. Dabei ist diese bedenklich Entwicklung der Umverteilung von unten nach oben keineswegs gestoppt. Im Gegenteil: „In vielerlei Hinsicht künden die sichtbaren oder verborgenen gesellschaftlichen Missstände davon, dass es bereits fünf nach zwölf ist. Weshalb sich ein „Bündnis UMfairTeilen“ in Dortmund vorsichtig, aber entschlossen solidarisch zusammen wirken wollend, aktuell wiederbelebt hat. Dessen Ziel: vor Ort für eine gerechtere Gesellschaft zu wirken. Heißt konkret, eine Umkehrung der Entwicklung der Umverteilung von oben nach unten einzufordern. Sowie einzutreten für die Wiedereinführung der Vermögenssteuer, die 1997 außer Kraft gesetzt worden war.

Versammelt im Bündnis Umfairteilen Dortmund sind Vertreterinnen und Vertreter aus linken Parteien, von Gewerkschaften, der Katholischen Arbeitnehmerbewegung, von Attac sowie des regionalen Straßenmagazins „bodo“. Der in Dortmund und darüber hinaus gesellschaftlich vielseitig engagierte Ingo Meyer (Bundesvorsitzender DUW (Demokratische Unabhängige Wählervereinigung hat für dieses Bündnis getrommelt und die Koordinierung entsprechender Aktionen übernommen.

Ungenierte Umverteilung von unten nach oben eine Gefahr für die Demokratie

Am 30. Oktober 2014 war es nun soweit: Ausgerechnet am Weltspartag – an dessen Stelle die Aktivisten des besagten Bündnisses eigentlich lieber einen „Weltumfairteilen“-Tag sehen würden – schlug die Gruppe ein knallrotes Zelt unweit der Sparkasse und in Sichtweite des Hauptbahnhofs der Ruhrgebietsmetropole auf. Auf den Tischen stapelte sich reichlich Informationsmaterial. Das enthielt Informationen über die ungleiche Verteilung von Vermögen in Deutschland und die weiter statthabende ungenierte Umverteilung von unten nach oben respektive betreffs der dabei entstehenden Gefahren für die Demokratie in Deutschland.

Bald“ unter die Passanten gebracht

Ausgabe der "Bald"; Grafik: Bündnis UMfairTEILEN

Ausgabe der „Bald“; Grafik: Bündnis UMfairTEILEN

Aktivisten verteilten darüber hinaus das Material an vom Hauptbahnhof kommende bzw. dorthin strebende Passanten reichlich Material. Darunter Ausgaben des an die Aufmachung der Bildzeitung erinnern sollenden Blattes „Bald“. Wie immer bei solchen Aktionen winkten manche Leute ab. Andere griffen im Weitergehen zu. Wieder andere blieben stehen und kamen mit Aktivisten über die Aktion ins Gespräch. Ein Pärchen mit blonden Haaren pöbelte zurück: „Wir wählen sowieso Die Rechte!“ Ansonsten aber machte das Bündnis überwiegend positive Erfahrungen. Nicht wenige Menschen traten direkt an die Informationstische heran, um im direkten Gespräch mit Bündnismitgliedern über selbstgemachte Erfahrungen betreffs der bedenklichen neoliberalen Entwicklung der letzten Jahrzehnte zu sprechen. Geredet wurde über die Ausbreitung von Armut im Allgemeinen, aber gerade auch unter Rentnern. Und auch darüber, wie die Armut selbst im Stadtbild immer offensichtlicher wird. Beispielsweise anhand der steigenden Anzahl von Flaschensammlern.

Bedenkliche Entwicklung aus erster Hand geschildert

Ein Hartz-IV-Empfänger, selbst zeitweise engagiert in der Kana-Suppenküche unweit des Dortmunder Nordmarktes, kritisierte die zunehmende Übernahme von Wohnhäusern durch ausländische Käufer in der Nordstadt jenseits des Hauptbahnhofes. Nicht selten, so bemerkte der selbst einst aus der Sowjetunion eingewanderte und in besseren Dortmunder Zeiten in der Stahlindustrie vollbeschäftigte Mann mit in einem Zopf übergehendem grau gewordenem Haar, pferchten die neuen Besitzer der Immobilien Arbeitsmigranten aus Bulgarien oder Rumänien zu Mehreren in eine Wohnung. Oft verlangten sie pro Mann und Matratze 150 Euro von diesen armen Menschen. Die wiederum erführen den Hass der einstigen prekär lebenden Ansässigen. Weil sie um ihre bescheidenen Pfründe im Viertel fürchteten. Zumeist Menschen mit türkischem Hintergrund. Eine gefährliche Entwicklung, meinte der Mann. Einer werde gegen den Anderen ausgespielt. Kapitalismus pur. Das Ergebnis: Vielleicht ein Pulverfass, das dereinst einmal hochgehen werde. Heute träfe der Mann mit dem Zopf bei der Essensausgabe in der Kana-Suppenküche oft auf 300 Hilfebedürftige am Tag. Zum Vergleich: Anfang der 1990er waren es meist weit weniger als 40 Menschen. Es kämen Zugewanderte auch aus Russland mit weder hinten noch vorne reichenden Altersbezügen, die fassungslos über die vorgefundenen Zustände in Deutschland, jedoch froh über eine warme Mahlzeit bei Kana sind.

Im Grunde, so kommt es manchen Bürgern vor, die sich am Infozelt kundig machten, muss diese Entwicklung gewollt sein. Denn, würde herrschende Politik sonst nicht  verantwortungsvoll gegensteuern?

Man lacht und unterschreibt doch

Manche der Vorbeigehenden ist sofort zu einer Unterschrift zur Wiedereinführung der Vermögenssteuer bereit. Andere wiederum zögern. Verständlich: Wer gibt heute schon gerne seine Adresse irgendwo an? Ein Aktivist scherzt auch noch: „Damit wir wissen, wohin der neue Kühlschrank geliefert wird.“ Man lacht und unterschreibt dann doch.

Einführung der Vermögenssteuer notwendig

Wie nötig u.a. die Wiedererhebung der Vermögenssteuer ist, davon ist auch die Rede im hervorragend recherchiertem Sachbuch „Wem gehört Deutschland?“ von Jens Berger. Ja, wem gehört eigentlich Deutschland? So genau kann (oder will) uns das gar niemand sagen. Deswegen haben es die Regierenden wohl auch nicht so mit der Einführung einer Vermögenssteuer. Warum? Man könne, heißt es dann, Vermögen verdammt schwer erfassen. Oder will man nicht?

Absatz finden die Informationsmaterialien. Besonders empfehlen die Umfairteilen-Aktivisten eine anschaulich gestaltete Broschüre der Gewerkschaft des öffentlichen Dienstes, ver.di. Sie verdeutlichte die für Demokratie und Gesellschaft unselige Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte samt der konkreten Auswirkungen äußerst anschaulich.

Ein Buch zieht die Blicke der Passanten auf sich

Der Inhalt eines großen Buches verdeutlicht, um was es geht.

Der Inhalt eines großen Buches verdeutlicht, um was es geht.

Selbiges tut auch ein von der 2009 aus der CDU ausgetretenen Annegret Meyer gestaltetes großes Buch, das die Blicke der Passanten auf sich zieht.

Positives Fazit

20141030_163906Ingo Meyer (neben dem Buch im Bild links) zieht nach der gut zweistündigen UmfairtTeilen-Aktion an diesem Tag in der Dortmunder Innenstadt oberhalb der Katharinentreppe ein positives Fazit:  Das Bündnis sei zwar zunächst bescheiden, aber doch mit viel Engagement der eingezogenen Aktivisten erfolgreich wiederbelebt worden. Es habe auf sich aufmerksam gemacht und sei durchaus auch überwiegend wohlwollend und von den Bürgerinnen und Bürgern mit Interesse aufgenommen worden. Nichtsdestotrotz sei aber künftig noch viel zu tun, um für die für Demokratie und Gesellschaft – auch über Dortmund hinaus – unverzichtbare Umverteilung von oben nach unten, einschließlich der Forderung nach Wiedereinführung der Vermögenssteuer zu tun.

All dies wolle man kämpferisch entschlossen, jedoch unverbissen und ideologiefrei weiter ins Werk setzen. Und zwar mit allen demokratischen gesellschaftlichen Kräften zusammen, die die Notwendigkeit dazu erkannt hätten. Dabei sei verstärkt die Information über das Anliegen des Bündnisses für Umfairteilen an erste Stelle zu setzen.

Angesichts des in dieser Hinsicht – was eine kritische Berichterstattung anlangt – zunehmend versagenden Medien sei das unverzichtbar und dringend nötig. Konstatieren müsse man im Rückblick, dass die Mainstream-Medien über die Jahre hinweg in nicht geringem Maße sehr aktiv daran beteiligt gewesen sind, die neoliberale Politik als quasi alternativlos darzustellen.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne …

Mag Merkel weiter die Raute machen. Und zu und abwarten. Die Mainstream-Presse juchzen und jubeln: Deutschland geht es gut. Es gibt in Deutschland sozial engagierte Menschen, die Licht in die dunkle Seite jenseits dieses Hurrapatriotismus‘ bringen und schon lange erkannt haben, dass die Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich letztlich die Demokratie zerstören wird. Und deshalb die Umverteilung von unten nach oben gerechte umgekehrt werden muss. Deshalb unternehmen sie etwas. Und sie suchen sich Verbündete dafür. So wie gestern in Dortmund. Sie lassen sich durch nichts und niemanden eine rosa Brille verpassen. Ihr Kampf, ihr demokratisch-soziales Engagement ist mühselig, gewiss: Jedoch lehnen sie die Rolle des braven obrigkeitshörigen deutschen Michel kategorisch ab. Sie gedenken nicht wie die allerdümmsten Kälber auch noch ihren Schlächter selber zu wählen. Sie verstehen ihre Rolle u.a. auch als Wachrüttler des deutschen Michel. Wird der aufwachen? Ein paar von ihnen vielleicht. Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. „Die Mühen der Gebirge liegen hinter uns // Vor uns liegen die Mühen der Ebenen“, schrieb Bertolt Brecht. Wie resümierte Ingo Meyer gestern: „Die in toto durchaus erfreulichen Reaktionen auf unsere heutige Aktion macht Mut unsere Ziele kämpferisch weiterzuverfolgen.“

Hermann Hesse in seinem Gedicht „Stufen“: Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. (…) Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.“

Den Neuanfang zum UmfairTeilen haben die Dortmunder Aktivistinnen und Aktivisten gewagt. Das rote Zelt ist wieder angebaut. „Auf ein Neues, bald!“, versprach Ingo Meyer zum Abschied. Und allmählich hielt der Abend Einzug in Dortmund …