Auftankstelle Kloster – Besuch bei den Mönchen in Stiepel. Eine Erinnerung

„Ich geh‘ ins Kloster“, verkündete ich
unlängst übermütig. Vielleicht auch, um mich selbst unter Zugzwang zu setzen. Und erntete
daraufhin von Menschen aus meiner persönlichen Umgebung Sätze, die mit Fragezeichen
endeten. Oder auch nur müdes Achselzucken. Klar: in anderen Zeiten wären die Reaktionen auf
diese Verkündigung gewiss anders ausgefallen. Wer geht heute schon noch ins Kloster? – Ich!, stemmte ich mich gegen diese Feststellung und ein bisschen auch gegen mein Inneres. Aber tat’s
dann wirklich…


Ora et Labora ganz im Sinne Benediktinischer Frömmigkeit


Freilich nur auf Zeit. Und auch nicht – keine Bange – um einmal Mönch zu werden. Denn, wie heißt es sinngemäß, ganz sicher aber vollkommen richtig, auf der Internetseite des Klosters
Stiepel; man wird nicht mal eben so Mönch. Schließlich koste das das Leben. Dick überschrieben ist das Klosterleben überdies mit dem bekannten lateinischen Spruch „Ora et Labora“- Bete und arbeite…
Vielleicht auch bzw. gerade bei den Zisterziensern. Leben diese doch ganz im Sinne Benediktinischer Frömmigkeit, sowie getreu dessen einst von Benedikt selbst gelebten strengen Lebensordnung. Weshalb sich die Zisterzienser-Mönche des Klosters Stiepel auch täglich mit den von Benedikt aufgestellten Regeln nahezu penibel beschäftigen und sie sich auf diese Weise immer und immer wieder vergegenwärtigen, um nicht zu Fehlen.


Franz Kardinal Hengsbach: Niemand kann Gegenwart und Zukunft gestalten, der sich nicht der Vergangenheit erinnert


Bereits 1802 hatten Mönche nach der Regel des heiligen Benedikt in Essen-Werden gelebt. Franz Kardinal Hengsbachs (erster Bischof von Essen, verstorben 1991) Herzenswunsch, sein Traum der Fortführung dieser Tradition, erfüllte sich in Bochum-Stiepel, dem einzigen Marienwallfahrtsort seiner Diözese, wo es Ende der 1980er Jahre gelang, die Voraussetzung dazu schaffen, dass sich dort wieder eine klösterliche Gemeinschaft ansiedeln konnte. Angefangen in Stiepel hatte alles im Jahre 1988 mit vier aus der Abtei Heiligenkreuz (Niederösterreich) entsandten Mönchen, die zur Klostergründung ins Bistum Essen gekommen waren. Der Stifter Klosters Stiepel, Kardinal Hengsbach, knüpfte im hartnäckigen Bemühen um eine
Klostergründung in seiner Diözese bewusst an die Wurzeln im Mittelalter an.

Denn ihm war klar, was von Menschen leider oft genug vergessen wird, dass niemand Gegenwart und Zukunft
gestalen kann, der sich nicht der Vergangenheit erinnert.


Klostergäste sind in Stiepel jederzeit gern gesehen und willkommen


Wichtig: Gleich welcher Konfession sie auch angehören mögen. Oder sich überhaupt keiner Glaubensrichtung zugehörig fühlen. Was nicht zuletzt auch mich befeuerte relativ unbefangen ins Kloster zu gehen. Schließlich verlangt es einen nach einem mehr oder weniger stressigen Arbeitsjahr auf jeden Fall endlich einmal danach abzuschalten, das einem mehr oder weniger
gehorchende eigne System wenigstens etwas herunterzufahren, bevor möglicherweise schon
wieder der Urlaubsstress einsetzt…


Das Kloster


In Stiepel gelang das ganz gut. Das Kloster liegt unweit des Ruhrtales und des Kemnader
Stausees Landschaftlich wunderschön und dementsprechend ruhig mit Blick auf landwirtschaftlich
genutzte Flächen, Pferdekoppeln und einem Waldgebiet. Die neuen Klostergebäude fügen sich
zusammen mit der während des 1. Weltkrieges errichteten Kirche St. Marien – architektonisch interessant konzipiert
zeitlos wirkenden, schön anzusehenden Gebäudeensemble. Eine Führung (einer der Mönche
interessant konzipiert und in baulicher Hinsicht exzellent ausgeführt – zu einem schlichten, fast zeitlos wirkendem, schön anzusehendem Gebäudeensemble

Eine Führung (einer der Mönche übernimmt das immer gerne) durch Kirche, Kreuzgang mit Blick auf den Innenhof mit gepflegtem Garten und Brunnen, welcher als Refugium der Stille ausschließlich den Blick gen Himmel zulässt, weiter durch die kleine Kapelle der Mönche und in andere Räumlichkeiten, wie etwa dem Refektoriuum (Speisesaal der Mönche) lässt einen kleinen Einblick des Klosterlebens aufscheinen.


Das Interieur der einzelnen klösterlichen Räumlichkeiten besticht in seiner Schlichtheit, wie in der
praxisbezogenen, handwerklich elegant gediegenen Ausführung.


FERNsehen und fast selig machende Ruhe


Die Gästezimmer mit Bad befinden sich über dem Klosterladen und der Pilgerhalle. Sie beinhalten Schreib- sowie Nachttisch und Bettstatt. Die Fenster gehen hinaus ins Grüne und auf eine genügend weit entfernte Siedlung. Man schläft ausgezeichnet: Herrlich frische Luft und eine fast selig machende Ruhe sorgen dafür. Einen Fernseher oder andere
Unterhaltungselektronik sucht man Gott
sei dank nicht
. Hier heißt es nämlich Kreuz statt Glotze und FERNsehen bekommt unter diesen Umständen im Kloster eine ganz eigne Dimension. Kontemplation inklusive. Wenn’s denn funktioniert…


Über Gott und die Welt…


Zu den Mahlzeiten geht es hinüber ins nahe Hauptgebäude des Klosters. Und die waren täglich ein Erlebnis! Der Köchin und den Mönchen sei Dank für Speis und Trank! Überhaupt gestaltete ich die Einnahme der Mahlzeiten zu Erlebnissen, die sicherlich das Zeug dazu haben, auch
nachhaitig noch Wirkung zu entfalten. Was freilich an den während der (leider viel zu kurzen) Zeit meines Kloster-Schnupper-Aufenthalts anwesenden anderen lieben Gäste und vielmehr. der sich, mit ihnen entsponnen habenden interessanten Gespräche – tatsächlich! – über Gott und die Welt.Nicht einmal das dunkle Kapitel “sexueller Missbrauch“ (In Kirche und Gesellschaft) wurde
ausgeklammert und mit eignen Ahnungen bzw. zur Kenntnis gekommenen Ereignissen angefüllt.
Manche Gäste blieben, andere reisten ab, wofür aber wieder neue, nicht weniger interessante,
hinzu kamen. Altere und jüngere. Frauen und Männer. Egal: Interessanter Gesprächsstoff war
immer. Früh, mittags und abends. Das meiste am Tisch zur Sprache Gekommene speiste sich aus

einem vollen Griff ins pralle Menschenleben. Zwei pilgernde Buben aus dem Sauerland
verbreiteten die Kunde von einer frommen Frau in ihrer Heimatgemeinde und einer weinenden
Madonna. Nun ja …


Nonne zurück im „Pott“


Sogar ein einst im Ruhrpott geborenes, 1953 ins Kloster gegangenes und folgerichtig Nonne gewordenes Mädchen, inzwischen Seniorin – welche das Mutterkloster in Süddeutschland verlassen hatte, welches mangels Nachwuchs geschlossen wurde und deshalb verlustig ging, weshalb sie nun in einem Essener Kloster Aufnahme fand und hoffentlich dauerhaft einen Alterssitz gefunden hat – weilte mit ihrer leiblichen Schwester im Kloster Stiepel mit ihrer leiblichen Schwester zu Gast.

Die ehemals als Musiklehrerin und Kinder-
Kloster Aufnahme und hoffentlich dauerhaft einen Alterssitz gefunden hat, weilte im Kloster
Chorleiterin tätige Schwester E. hat dort nun schon einiges erlebt: Sie muss in Essen u. a. auf eine
an Alzheimer erkrankte Mitschwester aufpassen, die früher Pfortendienst hatte und nun oft –
noch gut zu Fuß – die Tür aufreisst. Die beim Laufen gehandicapte Schwester E. dagegen hat Not rasch genug zur Stelle zu sein. Was gefährlich werden kann: Immerhin ereignete sich kürzlich ein kleiner Krimi in der Kirche. Ein Pfarrer wurde überfallen und von den Verbrechern gefesselt zurück gelassen. Wer vermisst beim Angebot an solchen Geschichten noch einen Fernseher?


These und Theorie – Warum gehen Menschen ins Kloster oder eben nicht?


Es ist wohl so: Wer ins Kloster geht, sich der Arbeit im Weinberg des Herrn widmet, dem kostet es das Leben. Dennoch über Nachwuchs an Mönchen scheinen sich die Zisterzienser nicht beklagen zu können. Weshalb Schwester E., deren Heimat-Kloster mangels Novizinnen, geschlossen
werden musste, die These vertritt, dass der Versuch ihres Ordens, diesen – auch was den Habit (Ordensgewand) angeht – „freizügiger“ zu gestalten, wohl deshalb nicht von Erfolg gekrönt war,weil das offenbar gar nicht das Entscheidende für junge Menschen ist, sich für ein Leben im
Kloster zu entscheiden. Wie man, so Schwester E., es ja bei den Zisterziensern beobachten könne, denen es an Nachwuchs nicht gebreche. Denn nicht nur deren Klosterregeln seien sehr streng
Wofür schon deren äußeres Erscheinungsbild, namentlich deren schwarz-weißes Ordenskleid
stehe. Es muss also etwas anderes sein, was junge Männer zum Zisterzienserorden ziehe.


Ich habe da meine eigne Theorie: Vielleicht liegt es ja auch einfach an den unsicheren heutigen Zeiten, dem Mangel an wirklichen Vorbildern oder der heimlichen Sehnsucht nach festen Regeln. Schwester E. blickte mich nachdenklich an.


Das Kloster Stiepel ist mitten im Kulturhauptstadtjahr Ruhr.2010 eine von mehreren „spirituellen Tankstellen“ in insgesamt 53 Orten des Ruhrgebiets. Dort kurz angedockt zu haben, hat gut getan. Geistig-geistlich Auftanken bei den Mönchen von Stiepel war – wenn man es
einmal so ausdrücken will: himmlisch! Was nicht religiös gemeint sein muss …

Hinweis: Dieser Artikel von mir erschien am 12.08.2010 auf Readers Edition (inzwischen eingestellt).

Fotos: ©Claus Stille