Ulrich Sander, VVN-BdA: Über das Mahnen und Gedenken am Beispiel Dortmund

Rede vor der Dortmunder Steinwache am 18. 10. 2025

Am 14.Oktober 1992 wurde hier an der Steinstraße 50 in Dortmund die „Steinwache“ als Mahn- und Gedenkstätte eröffnet. Sie befindet sich im alten Dortmunder Polizeigefängnis, in dem während des Nationalsozialismus mehr als 66.000 Menschen festgehalten und vielfach vor allem durch die Gestapo misshandelt wurden.  Nach der Haft wurden sie zu Tausenden auf den Leidensweg in die Konzentrationslager geschickt. 

Hier befand sich bis Mitte dieses Jahres die ständige Ausstellung „Widerstand und Verfolgung in Dortmund 1933–1945“ des Stadtarchivs Dortmund. Sie wird nun umgearbeitet mit neuem Inhalt. Diese Ausstellung wurde ursprünglich von ehemaligen Widerstandskämpfern und Opfern des Faschismus geschaffen. Denn die Widerstandskämpfer und Verfolgten und unsere Stadt unternahmen wichtige Initiativen, um an Widerstand und Verfolgung sowie an Ursachen von Krieg und Faschismus zu erinnern. Schon bald sammelten sie die Exponate zusammen, die dann überarbeitet zur Ausstellung  „Widerstand und Verfolgung in Dortmund von 1933 bis 1945“ führten.  

Zur Vorgeschichte dieses Gebäudes ist zu sagen: Es entstand ab 1869, wuchs durch Erweiterungen bis 1928 heran zur heutigen Größe, die überhaupt nicht einer üblichen Wache nebst Arrestzellen gleicht. Hier ging es um Klassenkampf – die kämpferische Arbeiterklasse der Nordstadt sollte niedergehalten werden. Hier wurde 1920 ein Arbeiter erschossen, weil Abdrücke auf seiner Schulter darauf hindeuteten, dass er ein Gewehr getragen haben könnte. Hier provozierten Nazis die Arbeiter im Jahr 1932, indem sie mit einem Aufmarsch in das Viertel eindrangen, und es gab Tote und Verletzte infolge der Schüsse der Polizei. 

Es muss aber auch gesagt werden: Hier errang die LINKE in diesem Jahr bei den Kommunalwahlen mit 24 Prozent die meisten Stimmen und hat die Chance, den Bezirksbürgermeister zu stellen.

Die Steinwache nebst Gefängnis hat ab 1933 bald den Namen „Hölle von Westfalen“ bekommen. Sie war die meist berüchtigte Folterstätte der Region. Von hier und von einem Gebäude direkt gegenüber gingen Tausende Jüdinnen und Juden in die Ghettos und Vernichtungslager. Sozialdemokraten und Kommunisten wurden in die KZ, vor allem KZ Sachsenhausen und die Emslandlager geschickt, wo viele umgebracht wurden. Ebenso wie Sinti und Roma, Homosexuelle und Zeugen Jehovas. Junge Edelweißpiraten wurden hier eingesperrt und grausam misshandelt, so auch die jungen Menschen aus der Sozialistischen Arbeiterjugend und dem Kommunistischen Jugendverband. 

Heinz Junge, der hier in der Steinwache eingesperrt war und der später einen großen Anteil am Aufbau der Gedenkstätte hatte, schrieb darüber in seinem Buch „Ewig kanns nicht Winter sein“. Er und seine Genossen stellten den größten Anteil an politischen Gefangenen in diesem Gebäude. Nach 1945 haben 1.260 Kommunistinnen und Kommunisten aus Dortmund als Überlebende des Terrors Entschädigungsgeld beantragt, das geht aus den Akten der Behörde für Wiedergutmachung hervor.

In Dortmund ist manches falsch gemacht worden in der Gedenkarbeit – darüber spreche ich noch – aber auch vieles ist gelungen. So hat das Stadtarchiv einen enthüllenden Bericht veröffentlicht, der an die Verbrechen des Hitler-Förderers Albert Vögler erinnert. Dazu wurde ein Foto aus Fröndenberg gestellt, einen Gedenkstein darstellend. Darauf heißt es:

„Wir gedenken der jüdischen Bürger von Fröndenberg, die der nationalsozialistischen Gewalt zum Opfergefallen sind. Wir trauern um sie und die jüdischen Frauen und Männer, die als Zwangsarbeiter in Auschwitz im Arbeitskommando der Weichsel-Metall-Union (Besitzer: Albert Vögler) zu Grunde gingen. Wir ehren und beugen uns vor den vier jüdischen Frauen die in Auschwitz, im Kommando des Weichsel-Metall-Union Werkes am 5. Januar 1945 öffentlich am Appellplatz vor allen angetretenen Häftlingen erhängt wurden: Regina Saphirstein, Alla Gartner, Ester Wiessblum, Rosa Robota. Für uns sind diese vier Frauen die Helden des jüdischen Widerstandes.“ Die genannte Fa. gehörte Vögler. Es wurden dort Waffen produziert, die von den vier Frauen den Kämpfern des Aufstandes der Häftlinge vom Oktober 1945 gegeben wurden.

Wir Antifaschisten von Dortmund arbeiteten mit bei der Legung von Stolpersteinen, bei dem Gedenken an die Kriegsendphasen-Opfer des Rombergparks und der Bittermark vom Frühjahr 1945 sowie vor allem an solchen Beiträgen zur Erinnerungsarbeit wie:

# Die Aktion Villa Springorum und Ruhrlade. Die Ruhrlade tagte hier in Dortmund in Fortsetzung des Treffens von Hitler mit Papen und der Wirtschaft vom 4. Januar 1933 in Köln. Die VVN/BdA wünscht sich am Standort der Villa des Hoesch-Industriellen Springorum, Treffpunkt des industrieellen Geheimbundes Ruhrlade,an der Hainallee, eine dauerhafte Mahntafel. Dies wird von der Stadt abgelehnt. 

Mit Mahnwachen an jener Stelle erinnert die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – BdA regelmäßig am 7. Januar an die Tagung der Ruhrlade. Diese Tagung diente der Machtübertragung an Adolf Hitler, die vor 90 Jahren erfolgte. Dort erfolgte die Auswertung des Treffens von Hitler, von Papen und der Wirtschaft am 4. Januar 1933 in Köln im Haus des Bankiers von Schröder. Die Interessenvereinigung von Ruhrindustriellen traf zusammen mit dem ehemaligen Reichskanzler Franz von Papen, um über Beseitigung der Weimarer Republik durch Machtübertragung an Hitler und die NSDAP zu beraten. 

An das Treffen vom 7. Januar in Dortmund wird in Dortmund amtlich nicht erinnert, als hätte es es nicht gegeben. Über den Teilnehmer der Treffen in Köln und Dortmund, von Papen (Zentrumspartei), wird in einem Katalog der bisherigen Ausstellung ausgesagt: Er wurde Ende Januar 1933 „vom Reichpräsidenten Hindenburg mit der Regierungsbildung beauftragt“  – nicht etwa Adolf Hitler, wie es jedem Geschichtsbuch zu entnehmen ist. Papen wurde am 30. Januar 1933 neben Hitler Vizekanzler.

 # Ferner ging es uns um die Erforschung der Lage der Zwangsarbeiter in Dortmund und die erfolgreiche Schaffung des Mahnmals am Phönix-See. Rund 80.000 Zwangsarbeiter/innen schufteten in all den Jahren in Dortmund; viele zusammengepfercht im „Stalag VI D“ auf dem Gelände der Westfalenhallen, wo zeitweise bis zu 10.000 Menschen gleichzeitig lebten, schlecht ernährt, der Willkür ausgesetzt. Über ein Viertel davon hatte für den Hörder Bergwerks- und Hütten-Verein (DHHV, Chef Albert Vögler, arbeiten müssen. 

 # Sodann unser Protest gegen die Ehrung des Emil Kirdorf in Eving. Der führte zu einem Teilerfolg. Eine Stele mit aufklärendem Text zu Kirdorf, dem frühen Förderer Hitlers, wurde geschaffen.

Aber gleichzeitig wurde der gleiche aufklärende Text aus der Steinwache entfernt. Dies geschah im Zusammenhang mit der Beseitigung der Aussagen des Raums 7 in der Steinwache „Die Schwerindustrie setzt auf Hitler“.  Das Kapitel zur Schuld der Schwerindustrie entspreche nicht mehr der Wahrheit, so hieß es. Die Konzerne der Schwerindustrie aus dem Ruhrrevier gehören allerdings zu den Unterzeichnern einer Erklärung von 49 Konzernleitungen zum 80. Jahrestag des 8. Mai 1945 über die Schuld der Wirtschaft am Naziregime. 

Ein spätes Geständnis der Industrie, das jene Veröffentlichungen bestätigt, die wir in unserer großen Aktion „Von Arisierung bis Zwangsarbeit – Verbrechen der Wirtschaft 1933-1945“ vorlegten. 

Die Fakten und dann auch das Geständnis nahm die VVN-BdA zum Anlass, eine neue Forderung zur Entschädigung zu stellen. „Die Erben der braunen Erben enterben“, so heißt die Aktion. Die VVN-BdA erklärte: „Die Schuldigen aus den Kreisen der ökonomischen Eliten blieben weitgehend unbestraft, jedoch ihr Wirtschaftssystem gehörte zu den Wurzeln des Faschismus. Den Hinterbliebenen der Räuber darf die Beute nicht länger gehören.“ Es gibt in Deutschland derzeit 132 Milliardäre, von denen 71 Prozent deshalb so reich sind, weil sie Milliardenvermögen aus der Zeit vor 1945 mit Sklavenarbeit und Kriegsgewinn geerbt haben. Weltweit hat nur jeder Dritte Milliardär die Milliarden geerbt.  Es besteht also Handlungsbedarf.

Die Erforschung von Ursachen und Herkunft des Faschismus sind notwendige Bestandteile jeder Erinnerungsarbeit.  Damit der Faschismus in Deutschland die Macht erhalten und diese im Laufe des Jahres 1933/34 festigen konnte, brauchte es Steigbügelhalter von oben, die bereit und in der Lage waren, die Nazis mit finanziellen Mitteln auszustatten und in jene machtvollen Positionen zu hieven, die sie zur Durchsetzung ihres Herrschaftsanspruchs benötigten. 

Wir dürfen nicht aufhören, diese Steigbügelhalter zu entlarven – denn sie sind wieder am Werk. Und sie hatten und haben eine rechte Massenbewegung, die der Menschenverachtung der Nazis zustimmt und sich von ihrer Herrschaft eigene Vorteile verspricht. Und es gehört dazu die Gewalt und der Terror gegen politische Gegner/innen, um den organisierten Widerstand zu brechen und jede Opposition unmöglich zu machen. Auch solche Massenbewegungen entwickeln sich wieder in unserem Land, man beachte die Wahlergebnisse der AfD. Einer AfD, die  mit neonazistischen Schlägertrupps zusammenarbeitet, diese wiederum waren verbunden mit dem mörderischen NSU. 

In den RuhrNachrichten vom 8. Oktober 2025 wird eine ganze Seite der Unterstützung der neuen AfD-Jugendvereinigung gewidmet und die geplante Führung dieser Organisation angepriesen, obwohl diese aus neonazistischen Netzwerken kommt. Eine weitere Seite derselben RN-Ausgabe befürwortet die Zusaamenarbeit der AfD mit den Parteien im Dortmunder Stadtrat. 

Dass die AfD im NRW-Kommunalwahlkampf die Ausweisung von Millionen Mitbürgern per „Remigration“ verlangte, wird in den Medien von Lensing (Dortmund) wie Funke (Essen) verschwiegen. In der CDU wächst der Kreis jener, die gemeinsam mit der AfD Parlamentsbeschlüsse fassen.

Wir starten hier heute zu einer neuen Erinnerungsfahrt durch unser Bundesland. Wir starten an einer Stelle, die bisher den Namen „Mahn- und Gedenkstätte“ trug. Darum geht es: Sowohl gedenken, aber auch mahnen, die Wahrheit an den Tag bringen. Das bedeutet das Warnen vor neuem Unheil. Nie wieder!

Hinweis meinerseits: Gastbeiträge geben immer die Meinung des jeweiligen Autors wieder, nicht meine. Ich veröffentliche sie aber gerne, um eine vielfältigeres Bild zu geben. Die Leserinnen und Leser dieses Blogs sind auch in der Lage sich selbst ein Bild zu machen. (Claus Stille)

Großartiger Film „Die Nichte  des Polizisten“ über den Mord des NSU an der jungen  Michele Kiesewetter – eine menschliche und politische Tragödie

(In der ARD am 8. Oktober um 20:15 Uhr!) Am 25. April 2007 ist die junge Polizistin aus Oberweißbach in Thüringen in Heilbronn auf der Theresienwiese ermordet worden. Der neben ihr im Auto sitzender junge Polizist Arnold war schwer verwundet worden, hat aber überlebt. Bis heute ist nicht  geklärt, wer die Schüsse abgegeben hat. Politische Aufklärungsblockaden […]

Großartiger Film „Die Nichte  des Polizisten“ über den Mord des NSU an der jungen  Michele Kiesewetter – eine menschliche und politische Tragödie

Gaza brennt

Netanjahus ganz konkreter Wahn „Super-Sparta“ riskiert den Untergang Mit beispielloser Gewalt wird Gaza Stadt erobert. Auf Befehl Netanjahus, gegen die Einwände seines Generalstabschefs, der vor hohen Verlusten der eigenen Soldaten und einem endlosen Krieg warnt. Netanjahu tut alles, um einen Waffenstillstand und einen Deal mit der Terrorgruppe Hamas zu verunmöglichen. Die Geiseln sind ihm gleichgültig. […]

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Strafanzeige gegen Scholz, Habeck, Baerbock, Pistorius, Merz, Wadephul und Reiche wegen Beihilfe zu Kriegsverbrechen durch Waffenlieferungen an Israel

Nach dem Bericht des langjährigen Rechtsexperten Christian Rath in der taz vom 19. September hat eine Gruppe von Berliner An­wäl­t:in­nen  um Benjamin Düsberg  sieben aktuelle und ehemalige Mitglieder der Bundesregierung sowie vier Un­ter­neh­mens­ver­tre­te­r:in­nen im Zusammenhang mit  Waffenlieferungen an Israel  angezeigt.  In einer ausführlichen Begründung wird darauf verwiesen, dass die deutsche Regierung für mehr als 1/3 aller Waffenlieferungen –  […]

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Maximaler Druck auf die israelische Regierung: Verzögerungen im Gaza-Krieg. 10tausende am 27. September

Israelis For Peace haben am gestrigen Sonntag um 17:00 Uhr erneut in einer beeindruckenden Kundgebung für ein sofortiges Kriegsende in und um Gaza  geworben. Beteiligt waren israelische und palästinensische Künstler in Hebräisch, Arabisch, Englisch und Deutsch. Die Vorsitzenden der Partei die Linke, Ines Schwerdtner forderte ein sofortiges Kriegsende.  Israelis For Peace rufen zur großen Demonstration […]

Maximaler Druck auf die israelische Regierung: Verzögerungen im Gaza-Krieg. 10tausende am 27. September

Feierliche Gedenkzeremonie am sowjetischen Kriegsehrenmal im İnternationalen Friedhof in Dortmund. Zugegen war u.a. auch der russische Botschafter Sergej Netschajew

Da ich zur Zeit im Ausland weile und nicht selbst zwecks Berichterstattung am Ort sein konnte, habe ich mir erlaubt, einen Bericht der Russischen Botschaft auf Facebook hier einzustellen:

� Am 6. September fand eine feierliche Gedenkzeremonie am sowjetischen Kriegsehrenmal im Internationalen Friedhof am Rennweg in Dortmund statt

� An der Veranstaltung beteiligten sich der Botschafter der Russischen Föderation in Deutschland Sergej Netschajew, der Generalkonsul der Russischen Föderation in Bonn Oleg Krasnitskiy, Verteidigungsattaché Aleksej Andreew, der Konsul der Volksrepublik China in Düsseldorf Kou Tianqing, der Leiter des historischen Vereins „Ar. kod. M e.V.“ Dmitrij Kostowarow, Mitarbeiter der russischen diplomatischen und konsularischen Missionen, unter anderem die Vertreter des Büros für Kriegsgräberfürsorge und Gedenkarbeit, Schüler und Lehrer der Schule bei dem russischen Generalkonsulat sowie Vertreter von Verbänden und Vereinen russischsprachiger Landsleute.

� Nach der Kranz- und Blumenniederlegung leitete Priester Igor Schirowskij aus der Kirchengemeinde zu Ehren der Heiligen Dreifaltigkeit Berliner Diözese des Moskauer Patriarchats (Dortmund) einen Totengottesdienst.

� Botschafter Sergej Netschajew hielt eine denkwürdige Rede, in der er den Teilnehmern seinen Dank für die Bewahrung der Erinnerungskultur und die Pflege der sowjetischen Gräber aussprach.

�Ein Grußwort hielt auch der Leiter des historischen Vereins „Ar. kod. M e.V.“ Dmitrij Kostowarow.

� Auf dem Friedhof sind mehr als 5.000 Sowjetbürger aus dem Lager Stalag VI D begraben. Von 1939 bis 1945 waren Tausende sowjetische Kriegsgefangene in dem Konzentrationslager inhaftiert. Sie starben dort infolge von Gewalt seitens des Lagerpersonals, Krankheiten und Hunger.

� Die Zeremonie wurde vom historischen Verein „Ar. kod. M e.V.“ unter Leitung von Dmitrij Kostowarow organisiert.

@Rusbotschaft

Hier der Bericht der Russischen Botschaft auf Facebook.

Gedenken #NRW #Russland #Deutschland

Beitragsbild: ©Claus Stille. Von einer früheren Gedenkveranstaltung auf dem İnternationalen Friedhof in Dortmund (Archiv)

Ein Artikel, gerettet von Ulli Sander. Vögler mordete Ala u.a.

Albert Vögler 1877-1945)

Seine Macht reichte bis nach Auschwitz

Albert Vögler, 1940 (Foto)

Stefan Klemp (Autor)

Kriegsende 1945. US-Soldaten umstellen Haus Ende in Herdecke an der Ruhr. Sie holen Albert Vögler aus seiner Villa und führen ihn ab. Die Soldaten verhaften einen der mächtigsten Industriellen Deutschlands, um ihn vor Gericht zu stellen. Er schluckt eine Kapsel Zyankali und ist sofort tot. Der Maschinenbauingenieur Albert Vögler hatte seine berufliche Laufbahn 1906 bei der Dortmunder Union AG begonnen. Biograph Gert von Klass: „Dortmund wurde Vöglers Heimat. Dort schlug er wurzeln, und dort endete sein Weg.“ Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Westfälischen Industrieclubs in Dortmund, dessen Haus nach 1945 lange Zeit nach Vögler benannt war. Von 1912 bis 1919 hatte er der Dortmunder Stadtverordnetenversammlung angehört, viele Jahre wohnte und arbeitete er hier. Er regierte ab 1926 als Direktor die Vereinigten Stahlwerke. 1935 wechselte er in den Aufsichtsrat und zog dort die Fäden. 1939 übernahm er den Aufsichtsratsvorsitz von Fritz Thyssen. Die Vereinigten Stahlwerke waren bis 1945 einer der größten deutschen Konzerne und der größte Stahlkonzern Europas. Dieses Riesenunternehmen beschäftigte 250.000 Menschen. Außerdem gehörten dem Konzern 28 Zechenanlagen, 66 Eisen- und Stahlwerke sowie 17 Kokereien an. Politisch arbeitete Albert Vögler kontinuierlich gegen die Weimarer Republik. Er war Anhänger der These vom „Volk ohne Raum“. Im März 1924 sagte er auf einer Tagung des Reichsverbandes der Deutschen Industrie: „Insbesondere wir Deutschen sind auf einen viel zu kleinen Raum zusammengedrängt.“ Als Mitglied der „Wirtschaftsvereinigung zur Förderung der geistigen Wiederaufbaukräfte“ sammelte er Kapital für das nationalistische Presseimperium von Alfred Hugenberg. Vögler erkannte Übereinstimmungen seiner politischen Vorstellungen mit denen der NSDAP.

Medienkampagne für Hitler

Vögler und Hugenberg intensivierten ihre propagandistischen Bemühungen Ende der 1920er Jahre, als sie erkannten, dass die Nationalsozialisten in einer Sackgasse steckten. Die NSDAP hatte bei der Reichstagswahl 1928 nur 2,6 Prozent der Wählerstimmen erzielt. Adolf Hitler fehlte der Zugang zu den Medien. Hier setzten die Industriellen an. Sie hatten die Mittel, die Hitler brauchte. Der Hugenberg-Konzern besaß ein gewaltiges Medienmonopol. Ihm gehörten zwei Drittel der Tageszeitungen und Zeitschriften in Deutschland, Nachrichtenagenturen und die UFA-Filmgesellschaft, die auch die Wochenschau fürs Kino produzierte. Konzernchef Alfred Hugenberg war Politiker der Deutschnationalen (DNVP). Ab 1928 rührten seine Medien die Werbetrommel für Hitler. Fritz Thyssen spendete der NSDAP Geld, die Lufthansa stellte Hitler ein Flugzeug zur Verfügung, Hugenberg brachte Hitler in die Medien. Deutsche Industrielle trugen ganz erheblich zur Machtübernahme der Nationalsozialisten bei. Albert Vögler gehörte auch zu den Industriellen, die den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg im November 1932 dazu aufforderten, Adolf Hitler zum Reichskanzler zu ernennen. Am 30. Januar 1933 war es so weit. Vögler fuhr bis 1933 zweigleisig. Er unterstützte Deutschnationale und NSDAP. 44 Prozent erzielte die NSDAP bei der letzten Reichstagswahl im März 1933. Sie war bereits seit Juli 1932 stärkste Fraktion und bildete 1933 eine Regierungskoalition mit der DNVP.

Nach 1933 baute Albert Vögler seine Macht aus. Er wurde in den 17köpfigen Generalrat der Wirtschaft berufen und zog in den Reichstag ein. Vertreter der Vereinigten Stahlwerke entschieden in Berlin mit, wenn es um wirtschaftliche Belange ging. Vögler besaß persönliches Vortragsrecht beim „Führer“. 1941 wurde er von der NS-Regierung zum Präsidenten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (heute Max-Planck-Gesellschaft) ernannt. Das Dortmunder Institut ließ während des Krieges in einer Versuchsreihe die Leistungsfähigkeit ausländischer Zwangsarbeiter bei Eiweißentzug untersuchen.

Firma Popper

Sein Privatvermögen ließ Vögler von der Firma „Popper“ verwalten. Über diese Firma war er Hauptgesellschafter der Fröndenberger Firma Union. Die Union gründete 1943 unter dem Namen „Weichsel-Metall-Union“ ein Werk im KZ Auschwitz, nachdem sie Krupp von dort verdrängt hatte. Bei der „Weichsel-Metall-Union“ in Auschwitz produzierten über 1000 jüdische KZ-Häftlinge, überwiegend Frauen aus dem Frauenlager Auschwitz I, Artilleriezünder. Im Sommer 1944 war Vögler kurzzeitig in Bedrängnis geraten als Heydrichs Nachfolger, Ernst Kaltenbrunner, ihn als Mitwisser des Attentats vom 20. Juli 1944 verhaften lassen wollte. Nur eine Intervention von Rüstungsminister Albert Speer verhinderte dies. Er beschützte seinen Berater und Freund, den er im Dezember 1944 schließlich mit Zustimmung Hitlers zum Generalbevollmächtigten für das Ruhrgebiet ernannte. Vögler konnte hier alle Entscheidungen auf dem Gebiet der Rüstungsproduktion treffen. In Rüstungsrat, Reichsforschungsrat, Industrierat und Generalrat der Wirtschaft entschied er auf Reichsebene mit.

Jüdische Häftlinge des Sonderkommandos in Auschwitz sprengten am 7. Oktober 1944 eine Gaskammer und eine Krematorium in die Luft. Der Anschlag war der Auftakt für einen Aufstand, bei dem drei SS-Männer und Hunderte von Juden getötet wurden. Vier Frauen, die bei der „Weichsel-Metall-Union“ gearbeitet hatten, wurden verhaftet, darunter Rosa Robota und Ala Gärtner (Fotos). Sie hatten den Sprengstoff gestohlen und den Widerstandskämpfern aus dem Sonderkommando übergeben. Die vier Frauen wurden am 6. Januar 1945 in Auschwitz öffentlich gehängt.

Kriegsende

Kurz vor Kriegsende trug Albert Vögler vermutlich dazu bei, dass Hitlers Vernichtungsbefehle im Ruhrgebiet nicht ausgeführt wurden. Inwieweit er auch an der Verhinderung der geplanten Ermordung von Tausenden von Zwangsarbeitern am 26. März 1945 in Dortmund beteiligt war, ist unbekannt. Albert Vögler glaubte, dass niemand stellvertretend für ihn angeklagt werden könnte. Mit der Selbsttötung wollte er seinen Mitarbeitern und Freunden einen letzten Dienst erweisen. Sein Kalkül ging auf. „Die Vereinigten Stahlwerke wurden nicht in einen Prozess gezogen“, schreibt Biograph Gert von Klass. Vögler entzog sich seiner Mitverantwortung für 12 Jahre Nationalsozialismus, er fehlte auf der Anklagebank der Nürnberger Nachfolgeprozesse gegen Kriegsverbrecher aus der Wirtschaft. Der 1945 amtierende Vorstandsvorsitzende der Vereinigten Stahlwerke, Walter Rohland, wurde nicht vor Gericht gestellt, obwohl er führend im Rüstungsministerium Albert Speers tätig gewesen war. Die Alliierten zerschlugen die Vereinigten Stahlwerke. Der Konzern und Vögler gerieten in Vergessenheit. Auch die Zeitgeschichtsschreibung vergaß sie weitgehend. So gibt es bis heute keine wissenschaftliche Biographie Albert Vöglers.

Literatur

Gert von Klass, Albert Vögler. Einer der Großen des Ruhrreviers, Tübingen 1957

Manfred Rasch, Albert Vögler (1877-1945), in: Westfälische Lebensbilder, herausgegeben von Friedrich Gerhard

Hohmann, Band 17.Veröffentlichungen der Historischen

Kommission für Westfalen, Münster 2005

Stefan Klemp, „Richtige Nazis hat es hier nicht gegeben.“ Eine Stadt, eine Firma, der vergessene mächtigste Wirtschaftsführer und Auschwitz, 2. Auflage, Münster 2000

Bilderstrecke: Albert Vögler (1877-1945)

Ein Artikel, der auf den WebSites des Fördervereins der
Steinwache und des Dortmunder Stadtarchivs stand. Ullrich Sander hat ihn gerettet.

Ala Gärtner

Fotos: Förderverein der Steinwache und Dortmunder Stadtarchiv, Beitragsbild: Albert Vögler

Pop und Politik (V): Marius Müller-Westernhagen – Grüß mir die Genossen

„Neulich 6 Uhr früh, tritt man mir die Tür ein/ Ich spring aus aus dem Bett, da stürmt die Polizei rein/ ‚Los stellen sie sich an die Wand, man hat sie erkannt’/ ‚Ein Nachbar rief uns an‘: ‚Sie sind ein Sympathisant’/ Ich sag: ‚Das muss ein Irrtum sein, ich bin bloß ein Bürger’/ Doch sie […]

Pop und Politik (V): Marius Müller-Westernhagen – Grüß mir die Genossen