Marco Bülow, Journalist, Autor, Politiker aus Dortmund ist mit nur 54 Jahren verstorben

Ich war geschockt gestern, als mir des Abends ein Post auf Facebook unterkam. Marco Bülow, las ich dort, sei gestorben. Mit 54 Jahren?!

Diese Nachricht durchfuhr mich regelrecht wie ein Blitz.

In meiner journalistischen Arbeit in Dortmund war ich des Öfteren auf den langjährigen SPD-Politiker Marco Bülow (Journalist, Autor, Berater) getroffen. Von 2002 bis 2021 – 19 Jahre also – gehörte er als direkt gewählter Abgeordneter im Bundestagswahlkreis I dem Deutschen Bundestag an. Eigenen SPD-Genossen schmeckte das nicht. Konnten sie ihn Dortmund doch nicht einfach auf einen aussichtslosen hinteren Listenplatz setzen. Nach 27 Jahren Mitgliedschaft trat Bülow im November 2018 enttäuscht und desillusioniert aus der SPD aus. Informationen zu Marco Bülow hier u.a. und hier.

Ehrlich und geradlinig

Dass er stets seinen Wahlkreis in Dortmund wieder gewann, hatte nicht zuletzt mit Bülows Ehrlichkeit und seiner Geradlinigkeit zu tun. Von Politikern, die Wahlkampf machten, indem sie sich eine Schürze umbanden und bei den Tafeln Suppe an Bedürftige ausgaben hielt er nichts.

Der Demokratie sah er sich in hohem Maße verpflichtet. Schon bald hatte der Dortmunder erkannt, dass da einiges im Argen lag. Und er war ein Sozialdemokrat wie er im Buche steht und wie er heute offenbar gar nicht mehr existiert. Dortmund galt einst als Herzkammer der Sozialdemokratie – tempi passati. Da passte Marco Bülow hinein.

Er kritisierte früh den parlamentarischen Betrieb mittels seines Buches „Wir Abnicker – Über Macht und Ohnmacht der Volksvertreter“

In einem Vortrag in Dortmund vor einigen Jahren äußerte er gegenüber einer SPD-Bundestagsfraktionskollegin Kritik. Aus meinem Bericht: «Als er einst in den Bundestag gekommen war, so Bülow, habe ihm eine Kollegin, welche bereits länger im Bundestag saß, gesagt und gemerkt hatte, dass er mit manchem nicht einverstanden war: Entweder man akzeptiere die Spielregeln und passt sich an, oder man verlässt das Spielfeld. Er befand, es gibt noch eine weitere Möglichkeit: Man ändert die Spielregeln. Bülow habe fortan immer versucht die Spielegeln zu ändern. Und das sei auch immer noch sein Anliegen. Ein Ausfluss dessen sei, der Vortrag, welchen er nun präsentiere.«

Eingangs des Berichts schrieb ich: «Der partei- und fraktionslose Dortmunder Bundestagsabgeordnete Marco Bülow moniert, dass wir zu einer Fassadendemokratie verkommen, die immer stärker von wenigen Profitlobbyist*innen dominiert wird. Die soziale Marktwirtschaft sei längst zu einem Mythos geworden. „Wir stehen an einem Wendepunkt“, sagt er. Während das Vertrauen in die Parteien weiter abnimmt. Bülow hat sich entschlossen – bei entsprechender Unterstützung – wieder für den nächsten Bundestag zu kandidieren. Seine Bewerbung richtet er nicht wie üblich an eine Partei, sondern an die Bevölkerung, welche sein „Chef“ sein solle.«

Seinen (…) Vortrag begann der seit zwei Jahren partei- und fraktionslose, ehemalige SPD-Politiker Marco Bülow mit folgenden Fragen: „Wer glaubt, dass wir in einer guten, ausreichenden Demokratie leben?“. Relativ wenige Leute meldeten sich. „Wer glaubt, dass wir eine soziale Marktwirtschaft haben in Deutschland?“. Auch da zeigte nur eine Minderheit auf.

Marco Bülow konstatierte damals, wir steckten in einer Art Multikrise.

«Ein Ausfluss dessen sei, der Vortrag, welchen er nun präsentiere. Die wichtigste und umfangreichste Krise, welche uns am meisten treffen werde, sei die Klimakrise. Hinzu käme eine Sozialkrise. Des Weiteren sei eine Demokratiekrise auszumachen. Einher mit den anderen Krisenerscheinungen ginge momentan die Corona-Krise. Der Politiker zeigte sich sicher, dass wir nur aus diesen Krisen herauskämen, „wenn wir vor allem unsere Demokratie verändern, wenn ihr eine echte Demokratie schaffen“. Zu diesem Behufe müssten halt bestimmte Spielregeln verändert werden. Ansonsten seien die ganzen Krisen weder zu bewältigen noch zu überwinden.«

Weitere Beiträge meinerseits zu Marco Bülow finden Sie hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier.

Hier noch zwei Reaktionen auf den Tod von Marco Bülow

Der Liedermacher und Schriftsteller Florian Kirner auf die Todesnachricht auf Facebook:

«Das ist wirklich schockierend! Das ist unerträglich. Es waren nur wenige Monate, die ich Marco Bülow näher gekannt und mit ihm sehr vertrauensvoll zusammengearbeitet habe. Er war, was in diesem Politikbetrieb vielleicht das größte Lob ist: ein ehrlicher Mensch, der seine Anliegen konsequent und ohne Rücksicht auf Nachteile für seine eigene Karriere vertreten hat. Er war ein Kämpfer gegen die Korruption, die wir in Deutschland „Lobbyismus“ nennen. Er war ein Streiter gegen Militarisierung und Krieg. Er war ursympathisch. Er war ein großartiger Mensch. Wir bräuchten 100.000 Leute wie ihn.

Mach’s gut, Marco.«

Martin Sonneborn, Parteivorsitzender der Partei Die PARTEI, MdEP – der auch Marco Bülow zuletzt angehörte – schrieb heute auf Facebook.

«Scheiße, Marco Bülow ist tot.

Jung gestorben, mit 54. Ein guter Mensch. Einer der zwei, drei letzten echten Sozialdemokraten. Einer, der sich empörte, gegen Ungerechtigkeiten, Lobbyismus, Überheblichkeiten der politischen Klasse, gegen Dummheit & die Forderung nach Kriegstüchtigkeit. Der sein sicheres und gutdotiertes Mandat aufgab, um sich für die die einfachen Bürger einzusetzen. Warum werden die Arschlöcher so alt, und die Guten sterben zu jung?«

Möge Marco Bülow die Erde leicht sein …

Fotos: ©Claus Stille