Buch: „Anhängerkupplung gesucht!“ – Unterwegs kann zu Hause sein

Peter Bijl und Tjerk Ridder mit Hundedame Dachs vor ihrem Wohnwagen; v.l.n.r. (Foto: Claus Stille)

Peter Bijl und Tjerk Ridder mit Hundedame Dachs vor ihrem Wohnwagen; v.l.n.r. (Foto: Claus Stille)

Auf unserer Lebensbahn ohne andere zurechtzukommen ist schwierig. Eigentlich unmöglich. Sich dessen einmal zu vergewissern, kann kein Fehler sein. Dem niederländischen Liedermacher und Theaterkünstler Tjerk Ridder brachte das auf einen außergewöhnlichen Einfall. Dieser kam ihm in einer Kneipe. War allerdings alles andere als eine Schnapsidee!

Mit einem Wohnwagen von Utrecht nach Istanbul trampen …

Ridder setzte das Ausgedachte nämlich um. Lebte es geradezu. Dass die Idee nebenbei mit einem berüchtigten Klischee spielte, nämlich: Holländer und ihre Wohnwagen, dürfte dabei ganz bewusst in Kauf genommen worden sein. Tjerk Ridder wollte mit einem Campingwagen von Utrecht nach Istanbul reisen. Um so die Kulturhauptstädte des Jahres 2010, Essen, Pécs und Istanbul sozusagen miteinander zu verbinden.

…ohne eigenes Zugfahrzeug

Der Clou, wenn wir so wollen – der skurrile Gedanke dabei: Der Campingwagen würde ohne eigenes Zugfahrzeug auskommen müssen! Damit stand sogleich der Name der ins Auge gefassten Aktion fest: „Trekhaak gezocht!“. Auf Deutsch: „Anhängerkupplung gesucht!“

Eiseskälte zur Eröffnung der Ruhr.2010 – Mutterseelenallein drei Tage an einer Tankstelle im Süden

Am 3. Februar 2010 brach Tjerk Ridder, zunächst gezogen vom Wagen des Bürgermeisters der Stadt, von Utrecht aus mit einem Eriba-Wohnwagenanhänger zu seiner langen Reise auf. Über Arnhem, Nijmwegen, Baarle, Venlo und Mastricht langten Ridder und Hundedame Dachs gerade noch rechtzeitig in der Kulturhauptstadt Essen an. Wo die Eröffnung der “Ruhr.2010″ anstand. Übrigens bei bitterkaltem Winterwetter. Eine erste harte Bewährungsprobe für Ridder. Aber es sollte noch härter kommen. Danach ging es durch’s Ruhrgebiet nach Köln und schließlich gen Süddeutschland. Dort, an einer kalten, zugigen Tankstelle nahe Würzburg saß Tjerk Ridder über drei Tage fest. Mutterseelenallein. Immerhin zusammen mit Hundchen Dachs. Dass einem da ein wenig traurig zumute wird, kann man sich denken.

Alles war so schön ausgedacht. Der Wohnwagen abgestellt, um Beobachtern ins Auge zu stechen. Die sich mindestens zwei Fragen stellen sollten. Erstens: Wie ist dieser Wohnwagenanhänger hier hin gekommen? Und zweitens: Wie soll der hier wieder wegkommen? Was aber, wenn es dabei blieb? Und man, wie Ridder in dem Fall, da bei Würzburg und knackiger Kälte fest steht und einfach nicht mitgenommen wird? Dieses einschneidende Erlebnis mag dazu geführt haben, dass Tjerk Ridder im weiteren Verlauf seiner Reise – die in ja dann, wie wir unterdessen wissen, schließlich doch weg von dieser kalten Tankstelle im Süden Deutschlands und weiter bis ins ferne Istanbul führte – seinen Landsmann, den in Berlin lebenden Journalisten und Kulturproduzenten Peter Bijl, bat, ihn fortan zu begleiten.

Im zweiten Anlauf an den Bosporus

Nach Istanbul ging es aber dann doch erst, in einem zweiten Rutsch. In der ungarischen Kulturhauptstadt Pécs entschloss sich Ridder von dort, nach einer Pause daheim in den Niederlanden, später wieder zum Endspurt an den Bosporus anzusetzen. Nicht nur die zu überwindende Distanz war riesig. Auch die Erlebnisse unterwegs waren so vielfältig gewesen, hatten sich tief eingeprägt und  Tjerk förmlich überwältigt. All das schrie nach Verarbeitung. Tjerk Ridders Kopf war regelrecht vollgestopft. Überdies sollte es Ende Mai ohnehin zwischendurch zur Weltausstellung nach Shanghai gehen. Dort präsentierte Tjerk Ridder äußerst erfolgreich und hochbeachtet Lieder, die auf Inspirationen basierten, welche den niederländische Musiker auf der Stecke von Utrecht nach Pécs erlangten.

Die Idee funktionierte

Eines war Ridder dennoch bereits in Pécs klar geworden: Die Idee funktionierte! Samt Wohnwagen zu trampen. Um so weiter und weiter zu kommen. Nicht allein nur geographisch, Kilometer machend, betrachtet. Die hauptsächliche Idee hinter dem Ursprungseinfall, ergab sich aus der Notwendigkeit, immer wieder Leute mit Autos, die Anhängerkupplungen haben, finden zu müssen. Wie die ungewöhnlichen Tramper auf ihrer Internetseite erklären, war nämlich die Reise als “eine Metapher” gedacht, “die buchstäblich zeigt, dass man im Leben andere Menschen braucht, um weiter zu kommen.”

Träume in die Dose

Unterwegs wurden die Menschen nicht nur gefragt, ob sie die Niederländer samt Campinganhänger ein Stück mitnehmen würden. Tjerk Ridder wollte von den Leuten auch deren gute Vorsätze erfahren. Wenn sie wollten, konnten sie diese Träume notieren und versehen mit einem Haltbarkeitsdatum (an dem der Vorsatz erfüllt sein soll) in einer Blechdose konservieren lassen. Die von Ridder mit seiner an Bord des Campinganhängers befindlichen Konservendosenmaschine verschlossene Dose bekamen die Leute dann mit nach Hause, wo sie diese dann zum vorgesehenen Zeitpunkt öffnen können und damit überprüfen können, ob ihr guter Vorsatz in Erfüllung gegangen wäre.

Zurück auf Zollverein

Ich informierte seinerzeit über diese einmalige, auf den ersten Blick verrückt und abenteuerlich anmutenden, Aktion „Trekhaak gezocht!“ (hier, hier und hier). Leider zunächst nur aus der Ferne. Denn bei Tjerk Ridders Abstecher in meinem Wohnort Dortmund hatte ich nicht dabei sein können. Als ich Tjerk Ridder, Hundchen Dachs und Peter Bijl – das letzte Stück auf der Rückfahrt von Istanbul nach Utrecht, noch einmal von Landsmann Remco Timmermans PKW von Passau aus bis zur Zeche Zollverein in Essen gezogen – endlich einmal persönlich treffen durfte, war ich überwältigt von deren Herzlichkeit. Und was sie alles zu erzählen hatten! Tjerk Ridders Projekt konnte als sehr gelungen bezeichnet werden. Im Februar 2010 hatte er bei zwickender Kälte Station in Essen anläßlich der Eröffnung des Kulturhauptstadtjahres durch den damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler gemacht. Nun war er Anfang Juli 2010 wieder zurück auf Zeche Zollverein. Bei brütender Sommerhitze.

Peter Bijl: Überall warmherzige Menschen getroffen

Aus Peter Bijl sprudelte es an diesem Freitag bei dem Pressetermin im Juli 2010 nur so hervor: “Egal wo. Wir haben unterwegs – und zwar überall entlang der Strecke – immer warmherzige Menschen getroffen.” Und Tjerk Ridder, der immer ein bisschen wie ein großer Junge wirkt, ergänzte damals mit Begeisterung im Blick, von den Menschen im Balkan sei man besonders positiv überrascht gewesen. Was hatte man ihm betreffs des Balkans daheim für Angst einzujagen versucht! Bis hin zum möglichen Verlust des Lebens! Keines der Vorurteile fand Ridder bestätigt. Nichts von ihrem Hab und Gut kam weg. Schon deshalb mag sich die Reise gelohnt haben. Unvoreingenommen zu reisen, so Ridder wäre im Grunde genommen das Beste.

Positive Erlebnisse haben überwogen

Im Rückblick auf die gesamte Reise sind sich die Akteure zusammenfassend einig: Die positiven Erlebnisse und Reaktionen der Leute auf ihr Ansinnen unterwegs haben – wo auch immer – überwogen. Tjerk Ridder zeigte sich sicher: “Das ist nicht abhängig von der jeweiligen Kultur oder dem Land, bzw. der Nationalität oder dem Alter der Menschen. Es geht um einen bestimmten Geist. In allen Ländern gibt es einfach tolle Leute.” Um den Menschen unterwegs begreiflich zu machen, welches der Sinn der Reise ist, bedurfte es nicht allzu viel: Es genügte oft ein Stück Karton, mit in den nötigsten Worten – „Anhängerkupplung gesucht!“ in den jeweiligen Landesprachen.

Multimediaprojekt

„Anhängerkupplung gesucht!“ ist inzwischen längst zu einem Multimediaprojekt aus Geschichten, Fotos, Songs, Filmszenen und einem Bühnenprogramm geworden. In diesem September ist „Anhängerkupplung gesucht! – Man braucht andere, um voranzukommen“ nun auch als Buch im Patmos Verlag, übersetzt von Bärbel Jänicke, auf Deutsch erschienen. Tjerk Ridder hat unterwegs auf seiner abenteuerlichen Reise Tagebuch und mehrere Lieder geschrieben. Die Texte im Buch fußen auf diesen Reisenotizen. Peter Bijl hat Ridders Tagebucheinträge überarbeitet und Geschichten daraus gemacht. Bijls Texte wiederum sind von Ridder überarbeitet worden.

DVD mit Filmen und Liedern liegt dem Buch bei – Vorwort von Herman van Veen

Das Tolle an diesem Buch: Es liegt ihm eine DVD mit Filmen und Liedern, die auf der Reise entstanden sind, bei. Diese exklusive Buch- und DVD-Präsentation hatten Ridder und Bijl 2011 zunächst auf Niederländisch und Englisch im Eigenverlag herausgebracht (Trekhaak Gezocht! – You need others to keep you going“; ISBN 978-90-817624-0-3)

Für die deutsche Ausgabe haben Tjerk Ridder und Peter Bijl alle Texte überarbeitet und neue eigene Texte dazu gegeben.Kein Geringerer, als Herman van Veen hat speziell dazu ein sehr herzliches und geistvolles Vorwort geschrieben.

Sprung aus der „durchstrukturierten Gesellschaft“

Das Buch nimmt uns, die wir den Sprung aus einer „durchstrukturierten Gesellschaft“ (Tjerk Ridder) womöglich noch nicht wagten, vielleicht nie wagen werden, mit auf eine abenteuerliche Reise quer durch Europa von Utrecht nach Istanbul. Begleitet werden die diversen Tagebucheinträge zwischendurch immer wieder von Fotos, die uns Leserinnen und Lesern die Reiseerlebnisse von Ridder und Bijl so anschaulich als möglich bebildern.

Gastfreundschaft und Bilder, die an Erschröckliches erinnern

Wir erfahren von den unterschiedlichsten Begegnungen. Sind begeistert von der Gastfreundschaft, mit welcher den Wohnwagentrampern on the road immer wieder begegnet wurde. Wir  Leser hätten manches Mal auf mancher Strecke vielleicht gern dabei sein mögen. Und schrecken doch Buchseiten weiter wieder zurück. Wenn wir nämlich lesen, wie es gerade einmal nicht so läuft unterwegs. Können ungefähr nachfühlen, wie man sich da allein in der Fremde, bei grimmiger Kälte, stehengelassen am Straßenrand, wohl fühlen muss.

Lernen aber doch wieder ein paar Seiten weiter: Es geht doch immer irgendwie weiter. Nach Regen folgt Sonne. Jemand hilft weiter. Auf unserer Reise durch das Buch werfen manche von uns vielleicht beschämt eigne Vorurteile über Bord. Es wäre ein guter Effekt! Oder die Bilder von der zerschossenen Stadt Vukovar in Kroatien, die uns den Irrsinn des verflossen Bürgerkriegs eingehend vor Augen führen, lassen uns an anderer Stelle für eine Zeit in Nachdenklichkeit versinken.  Wahrlich erschröckliche Nachrichtenbilder erwachen im Leser.  Zerschossene Häuser. Und die Menschen, die in ihnen lebten, liebten? Wer waren die Toten? Wie leben die Zurückgebliebenen  jetzt mit dem vergangenen Leid? Sind sie Vertriebene? Brodelt in den Menschen Hass weiter unter der Oberfläche?

Etwas zum Schmunzeln

Dann wieder müssen wir schmunzeln, wenn wir lesen, wie Tjerk und Peter den Wohnwagenanhänger einmal aus der Not heraus von einem Land über die Grenze ins andere Land schieben. Die Zöllner machten Fotos. So etwas erlebten sie noch nicht.

Wirkliche Abenteuer sind heutzutage selten geworden

Tjerk Ridder hat sich auf das Wagnis eines solchen Abenteuers mit unvorgesehenen Geschehnissen und allen möglichen Problemen eingelassen. Jedoch nicht aus purer Abenteuerlust. Tjerk Ridder notierte:

„Ich mache mich auf den Weg. Per Anhalter mit einem Wohnwagen quer durch Europa, von einem Ende zum anderen. Auf der Suche nach Gastfreundschaft und Vertrauen, nach Freiraum in einer völlig durchstrukturierten Gesellschaft und nach einem Leben ohne Schubladendenken. Eine Reise, die mich meinen eigenen Träumen, aber auch meinen Grenzen näherbringt. Eine inspirierende Reise, ein Sprung ins Ungewisse.“

Ridder hat die Reise auch für uns gemacht, die wir vielleicht seine Idee so nicht leben können

Tjerk Ridder, begleitet von Peter Bijl, hat diese Reise gewissermaßen auch für uns gemacht. Die wir bestimmt hin und wieder ähnliche Träume haben. Die wir Einfälle haben, was wir mal gerne Verrücktes machen würden. Einfälle, die dann gar nicht mal so selten leider Schnapsideen bleiben. Aber nicht jede, nicht jeder, muss oder kann solche Ideen leben.

Unbestritten dürfte immerhin sein, dass wir auf unserer Lebensbahn nicht nur völlig auf uns gestellt vorankommen können. Wieder und wieder brauchen wir andere dazu. Macht das nicht gerade – und zwar einschneidend, womit nicht nur die knackige Winterkälte gemeint ist – im vorliegenden Buch jene Stelle bitter deutlich, da Tjerk Ridder von seiner Zurückgeworfenheit auf sich selbst, an einer Tankstelle in Süddeutschland (über drei Tage saß der Niederländer da fest!) Kunde gibt?

Die Lektüre des Buches verschafft seinen Lesern Gewinn

Dieses Buch ist sehr zu empfehlen. Es ist nicht nur unterhaltsam, sondern regt facettenreich in Text und Bild gestaltet auch zum Nachdenken an. Wer bislang noch nichts von diesem zunächst skurril wirkendem Projekt „Anhängerkupplung gesucht!“ gehört hat, wird womöglich von diesem außergewöhnlichen Reisebericht so angezogen sein, dass er das Buch in einem durchliest.

Ich aber empfehle, doch hin und wieder – wie Tjerk und Peter es auf ihrem kuriosen Roadtrip auch taten: zuweilen tun mussten – Rast beim Lesen einzulegen, um die zum Buch gehörende DVD „anzuschmeißen“. Ein Lied oder ein kleiner Film zum Text, lassen die Leserinnen und Leser noch ein wenig tiefer die interessanten, amüsanten oder freilich auch nachdenklich machenden Reisegeschichten der Akteure eintauchen.

Ich verspreche, das Buch wird jede(r) auf seine Weise mit Gewinn lesen. Nach dessen Lektüre muss nicht sofort zu einem ähnlichen Abenteuer aufgebrochen werden. Aber warum nicht mal aus der eignen allzu festgefügten, nicht selten verkrusteten, Welt ausbrechen? „Anhängerkupplung gesucht!“ ist m. E. auch in Korrelation zum Europäischen Gedanken zu lesen. Gerade in der herrschenden Dauerkrise sollte doch allen Europäern, allen voran den in der EU herrschenden Politikern, brennend heiß wohl eines klar sein: Man braucht andere, um voranzukommen!

Aber ob besagte Politiker das hier besprochene Buch lesen – und verstehen – werden? Zu empfehlen wäre es ihnen. Wir müssen sie ja nicht gleich mit einem zugfahrzeuglosen Campinganhänger auf die Reise durch Europa schicken. Oder etwa doch?

Bilderstrecke zum Projekt „Trekhaak gezocht!“

Links zum Projekt: (hier, hier, hier und hier)

Das Buch:

Tjerk Ridder mit Peter Bijl

Anhängerkupplung gesucht! – Man braucht andere, um voranzukommen

Patmos

Verlagsgruppe Patmos in der Schwabenverlag AG

ISBN 978-3-8436-0422-2

EUR 19,99

„Geheimer Krieg“ von deutschem Boden: Empörend, dass sich niemand aufregt

Dieter Hildebrandt bei den Ruhrfestspielen 2009 - "Mich regt die Tatsache auf, dass sich niemand aufregt." (Foto: Claus Stille)

Dieter Hildebrandt bei den Ruhrfestspielen 2009 – „Mich regt die Tatsache auf, dass sich niemand aufregt.“ (Foto: Claus Stille)

Es stinkt gewaltig hierzulande. Und zwar zum Himmel. Und von dort wieder retour. Nur wo bleibt die Empörung? Die Bundesregierung führt nur die Geschäfte. Und wäre sie regulär im Amte, die Regierenden täten sich die Nasen zu halten und auf’s Vergessen hoffen. Nicht einmal die #GroKo – die Große Koaltion – verspräche Hoffnung: Denn auch die SPD dürfte Dreck am Stecken haben und somit alles unternehmen, um wieder Ruhe in den Karton zu bekommen.

Offizielle US-Spione und Privatschlapphüte schalten und walten in Deutschland wie sie wollen

Recherchen des NDR und von Süddeutsche Zeitung ergaben: US-amerikanische Dienste (bei weitem nicht nur die NSA) können hierzulande quasi schalten und walten wie sie wollen. Längst sind diese „Dienste“ nicht nur offizielle der US-Administration, sondern auch um die 207 US-amerikanischen Privatfirmen, mit deutschen Sondergenehmigungen ausgestattet, welche in Deutschland „sensible Aufgaben für die US-Regierung übernehmen können“. Die Recherchen der Süddeutschen gehen von mehreren hundert Privatagenten aus, die in Deutschland herumwerkeln. Deren genaue Zahl ist freilich kaum zu ermitteln. Im Gegensatz zu ihren offiziellen Kollegen, den Schlapphüten von CIA oder NSA, werden die Privatspione nämlich nicht als Diplomaten oder konsularische Mitarbeiter bei den deutschen Behörden registriert.

US-Drohnenmorde, organisiert von Deutschland aus

Doch damit nicht genug. dazu: Ein “Geheimer Krieg”  (NDR) wird von deutschem Boden aus geführt.
Ein unheimlicher Skandal: US-amerikanische Killer-Drohnen werden nach den vorliegenden Informationen von NDR und Süddeutsche Zeitung von US-Stützpunkten in Stuttgart und Ramstein mitgesteuert!

Das Politmagazin Panorama: „Folter, Entführung und Kampfdrohnen-Einsätze wurden auch auf dem Gebiet der Bundesrepublik organisiert.“ Und weiter: „Der Aufbau geheimer Foltergefängnisse wurde einem CIA-Stützpunkt in Frankfurt übertragen. Eine amerikanische Geheimdienstfirma, die für die NSA tätig ist und Kidnapping-Flüge für die CIA plante, erhält bis heute Millionenaufträge von der deutschen Regierung. Finanziert werden die deutschen Beihilfen im Anti-Terror-Krieg mit Steuergeld. Das Fazit: Deutschland ist längst Bestandteil der amerikanischen Sicherheitsarchitektur geworden.“

All das läuft unter der Überschrift „Kampf gegen den Terror“. Und diesem Behufe werden offenbar auch von deutschem Boden aus US-amerikanische Killer-Drohnen mitgesteuert – bzw. deren Ziele vorbereitet. Mutmaßliche Terroristen werden so – wenn sie der „Friedennobelpreisträger“ Barack Obama im fernen Washington zu Abschuss freigegeben hat – sozusagen mit deutscher Hilfe, mindestens aber mit deutsche Duldung, per Drohne getötet. Man kann, ja: man muss diesen angeblichen „Kampf gegen den Terror“ Staatsterror nennen. Um kein Deut besser wie der Terrorismus, den man vorgibt zu bekämpfen. Denn es werden nicht nur ohne polizeiliche Ermittlung und ordentliche Gerichtsverhandlungen Todesstrafen ausgeprochen und tausende Kilometer weit weg von Washington per Killerdrohnen vollstreckt, sondern oft genug auch unschuldige Zivilisten, darunter Kinder, in Afrika oder im Nahen Osten dabei mit in den Tod gerissen. Zynisch nennt man das dann „Kollateralschaden“. Pfui Deibel!

Uns Deutschen sollte die Hutschnur platzen

Schlimm genug und verabscheuenswert, dass ein sich demokratisch und Rechtsstaat nennendes Land wie die USA sich anmaßt so zu verfahren. Uns Deutschen sollte aber die Hutschnur platzen, wenn wir nun erfahren müssen (was manche von uns, so sie hellwach durchs Leben gehen, schon immer irgendwie geahnt haben), dass US-amerikanische Dienste – seien es nun offizielle oder Privatschlapphutbuden, deutschen Boden für Mord, Kidnapping-Flüge in Foltergefängnisse und wer weiß nicht noch alles missbrauchen. Nicht nur Hans-Christian Ströbele hält es für möglich, dass dabei gegen deutsches Recht, Menschenrechte und Völkerrecht verstoßen wird.

Nase zu und durch?

Wo also bleibt die Empörung? Als bekannt wurde, dass auch Merkels Handy ausgespäht wurde, jaulte mancher – selbst die Kanzlerin:  „Das geht gar nicht.“ – auf. Und nun herrscht wieder Stille?! Es stinkt so gewaltig vom Himmel und wieder retour. Aber die Geschäftsführende Bundesregierung sagt sich offenbar: Nase zu und durch? Man wird seine Gründe dafür haben. Vielleicht sind sie u.a. darin zu suchen, dass man jahrzehntelang vor dem Treiben der US-amerikanischen Dienste auf deutschem Boden die Augen zumachte. Dies beträfe alle bundesdeutschen Regierungen seit 1949.  Die USA waren ja unsere „Freunde“. Nun kann ja wohl – wenn überhaupt – nur (noch von „Partnern“ (US-Ex-Botschafter John Kornblum) die Rede sein.

Auch die SPD dürfte in Machenschaften verstrickt sein

Nein, von dieser Geschäftsführenden Bundesregierung ist diesbezüglich keine Aufklärung – und wohl auch kein Abstellen des horriblen US-Treibens von deutschem Boden aus – zu erwarten. Auch wird es nicht besser, wenn die SPD ins Große-Koalitions-Bett mit Angela Merkels Union geht. Die SPD dürfte selbst zu tief in die Machenschaften der US-Schlapphüte verstrickt sein. Man erinnere sich nur an das widerlich zu nennende Agieren des damals während Schröders Amtszeit im Bundeskanzleramt sitzenden, graue Effizienz“ genannten,  Frank-Walter Steinmeier im Falle des Bremers Murat Kurnaz. (Dazu hier in einen meiner früheren Artikel in der Istanbul Post mehr.) Kurnaz hatten die BRD-Behörden, selbst dann noch da die US-Behörden keinen Verdacht mehr gegen ihn hegten, noch ein „Weilchen“ in Guantanamo schmoren lassen. Und nun sieht Steinmeier womöglich wieder einem Ministeramt entgegen. Noch Fragen?

Aufklärung vonnöten

Dennoch muss unbedingt Aufklärung her. Von Deutschland, tönte es einst, soll nie wieder Krieg ausgehen. Gilt das noch? Oder ist das nicht mehr en vogue? Deutschland macht sich in dieser unsäglichen Geschichte zum Mittäter. Mindestens aber zum Kumpan. Deutschland als allzu untertäniger US-Vasall hat sich und macht sich weiter die Finger schmutzig. Volle Souveränität oder nicht. Da kann man sich noch so sehr die Nasen vor dem herumwabernden Gestank verschließen und die Augen abwenden. Die Geschichte bleibt ein Skandal. Der Souverän als aufrichtiger Demokrat sollte endlich aufmerken und Abstellung dieser, wie ich finde, unhaltbaren Zustände fordern. Und zwar vehement! Gewiss: Auch für eine in dieser Hinsicht wohlwollend zu handeln gedenkende Bundesregierung eine schwierige Aufgabe.

Aber auf den Tisch muss die Geschichte. Und es muss schließlich auch gehobelt werden. Und zwar im Wissen darum, dass dann auch Späne fallen werden. Der deutsche Staat muss sich endlich – ganz in Kantschem Sinne –  aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit befreien. Von einer von Angela Merkel geführten Großen Koalition ist das indes nicht zu erwarten.  Es passt einfach nicht in deren Weltsicht, die man auch scherzhaft #Rautokratie nennen könnte, wäre alles nicht so bitter ernst. Und es bleibt dabei: Es stinkt gewaltig hierzulande. Und zwar an vielen Ecken und Kanten. Doch wo bleibt die Empörung? Von Dieter Hildebrandt, dem einzigartigen Kabarettisten, diese Woche im Alter von 86 Jahren verstorben,  stammt folgender Satz, betreffs sich häufender Ungerechtigkeiten: „Mich regt die Tatsache auf, dass sich niemand aufregt.“ Dem kann ich mich nur mit empörendem Kopfschütteln anschliessen. Denn der Satz passt auch in diesem hier beschriebenen Falle wie die Faust auf’s Auge.